Im historischen Zentrum der tschechischen Stadt Žatec wurde die Sanierung des Stadthauses in der Oblouková-Straße 171 abgeschlossen. Das Gebäude befindet sich bereits seit 100 Jahren im Besitz derselben Familie, war jedoch in letzter Zeit nicht in bestem Zustand. Dank der achtjährigen Arbeiten der Architekten Jan Hora und Barbora Hora vom Büro ORA wurde das Haus in ein multifunktionales Gasthaus mit Gästezimmern, Wohnräumen für die Eigentümer und einer Bierstube umgewandelt, die an die Hopfenanbautraditionen der auf der UNESCO-Liste stehenden Stadt anknüpft. Heute pulsiert das Familienhaus wieder vor Leben.
Das Familienhaus in Žatec
Die Geschichte des Hauses reicht bis in die 1920er Jahre zurück, als sich die Ururgroßeltern der heutigen Eigentümer in Žatec niederließen. Die nachfolgenden Generationen lebten hier bis zur Samtenen Revolution im Jahr 1989. Danach stand das Gebäude leer, und missglückte Renovierungsarbeiten verschlimmerten die Probleme zusätzlich. Als die Immobilie an die Erben überging, befand sie sich in einem Zustand, der kurz vor dem baulichen Zusammenbruch stand. Das Dach war undicht und Teile des Dachstuhls fehlten, die Decken waren teilweise eingestürzt und das Holz war von Pilzbefall befallen.

Acht Jahre Wiederaufbau und das Erlernen des Handwerks
Die Renovierungsarbeiten dauerten acht Jahre und fanden unter den Einschränkungen eines begrenzten Budgets, Problemen bei der Verfügbarkeit qualifizierter Handwerker sowie der COVID-19-Pandemie statt. Die Architekten betrachteten das Projekt als praktische Lektion in Denkmalpflege. Sie testeten Technologien und Materialien selbst, um besser mit den Handwerkern zusammenarbeiten zu können. Besonderes Augenmerk wurde auf traditionelle Kalkputze sowie auf Arbeitsmethoden gelegt, die die natürlichen Unebenheiten der historischen Wände berücksichtigen. In jeder Phase wurden Konsultationen mit Denkmalpflegern durchgeführt.
Das Familienhaus musste gerettet werden
Die erste Aufgabe bestand darin, das Gebäude zu stabilisieren. Das Mietshaus wurde mit Stahlstreben verstärkt, das eingestürzte Gewölbe wiederhergestellt und die am stärksten beschädigte Decke durch eine Betonplatte ersetzt. Die größte Herausforderung stellte jedoch der dreistöckige Dachboden dar, der früher zum Trocknen von Hopfen diente. Dies ist ein typisches architektonisches Element von Žatec, einer Stadt, die seit Jahrhunderten mit dem Anbau dieser Pflanze verbunden ist. Auf den Holzbalken sind sogar Spuren früherer Markierungen erhalten geblieben, die beim Zählen der Hopfensäcke verwendet wurden. Schließlich stellten die Zimmermeister die volle Tragfähigkeit des Dachstuhls wieder her und retteten so diesen wertvollsten Teil des Gebäudes.

Ein zweites Leben für die Materialien
Ein Großteil der Ausstattung und der Verkleidungselemente stammt aus Abbrucharbeiten und Lagern voller vergessener Materialien. Die morschen Balken wurden durch handbehauenes Holz aus einem abgerissenen Haus in Vrbovec ersetzt, während die roten Marmorfliesen aus einem Container für Bauschutt geborgen wurden. Im Durchgang wurden gereinigte Fliesen aus einem alten Bauernhof in Südböhmen verwendet, die fast identisch mit den Originalen sind. Der Innenhof wurde hingegen mit Keramikfliesen aus dem Ort Šatov gepflastert, die etwa 100 Jahre lang in einer Scheune lagen, bevor sie schließlich Verwendung fanden.
Das Familienhaus in Žatec lebt wieder
Unter den historischen Fußböden wurde eine Fußbodenheizung verlegt, und hinter dem unebenen Putz wurden neue Installationen verlegt. Außerdem entstanden neue Brandschutztüren aus massivem Eschenholz sowie speziell für dieses Objekt entworfene Fenster. Bei dem gesamten Projekt spielte die Fassade zur Straßenseite eine äußerst wichtige Rolle. In den 1990er Jahren hatte sie fast alle Verzierungen verloren. Nach der Analyse von Archivfotos haben die Architekten die Gesimse und Fensterrahmen in vereinfachter Form rekonstruiert und dabei die historischen Proportionen des Gebäudes beibehalten. Heute pulsiert das charmante Mietshaus wieder vor Leben, unter anderem dank einer Bierstube, die in Zusammenarbeit mit der Brauerei FALKON Flying Brewery betrieben wird. In einer Stadt, die für ihren Hopfen bekannt ist, erscheint eine solche Nachbarschaft besonders natürlich.
Entwurf: ORA
Fotos: BoysPlayNice
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