fot. giggel, wikimedia, CC 3.0

Das monumentale Backsteingebäude des Rathauses in Oberhausen, Deutschland

Das 1930 fertiggestellte Rathaus in Oberhausen ist ein Juwel des Backsteinexpressionismus im industriellen Ruhrgebiet. Aus einer kleinen Stahlstadt entwickelte sich Oberhausen zu einem dynamisch wachsenden Zentrum der Schwerindustrie, und die Einwohnerzahl stieg auf fast 200.000. Das alte Rathaus erwies sich schnell als zu klein für eine so schnell wachsende Stadt, weshalb der Bürgermeister den Bau eines neuen großen Gebäudes in Auftrag gab. Das entworfene Gebäude erwies sich als eines der interessantesten Beispiele für die Architektur der untergehenden Weimarer Republik.

Metropole

Noch Mitte des 19. Jahrhunderts zählte das kleine Oberhausen nur 5.000 Einwohner. Mit der Zeit kamen die pionierhafte chemische Industrie und riesige Fabriken zur Herstellung von synthetischem Öl in die Stahlstadt. In den 1920er Jahren wuchs die Bevölkerung auf über 100.000 Einwohner an, und das Rathaus wurde für die wachsende Bürokratie zu klein.

Die Pläne gingen jedoch über den einfachen Bau eines neuen Rathauses hinaus, und die Planer dachten sogar daran, einen neuen Stadtteil nach dem Vorbild einer Stadt als Park zu schaffen. Der Architekt und Stadtplaner Friedrich Pützer entwarf noch vor dem Ersten Weltkrieg einen Plan für das neue Rathaus, aber die Nachkriegskrise durchkreuzte die Baupläne. Pützer starb 1922, aber sein Schüler Ludwig Freitag griff das Konzept seines Lehrers nach einigen Jahren wieder auf. Zusammen mit dem Planer Eduard Jüngerich schuf der Architekt ein mächtiges Gebäude, das sich über mehr als 100 m erstreckte.

Renaissance aus Backstein

Das gesamte Gebäude befindet sich inmitten des Grilloparks mit zahlreichen Terrassen und Treppen. Aus dieser Parklandschaft ragt ein riesiger, schwerer Baukörper hervor, der aus mehreren kleineren Quadergebäuden besteht. Fast das gesamte Gebäude ist von Fensterbändern und einem einheitlichen geometrischen Design geprägt. Es handelt sich jedoch nicht um reinen Backsteinexpressionismus, da die Architekten viele Elemente aus der Renaissance und anderen Stilen dieser Zeit übernommen haben. Es ist erwähnenswert, dass der Name des Parks vom Namen eines Industriellen aus dem 19. Jahrhundert stammt und nicht von Liebhabern von Grillwürstchen…

An der monumentalen Fassade sind Ziegelattiken und Fensterbänke zu sehen, und unter dem schweren Baukörper befindet sich eine Arkade mit charakteristischen Kalksteinsäulen. Es ist gerade der poröse Kalkstein, der die meisten Details in einem Meer aus dunklen Klinkerziegeln bildet. Ein besonderer Punkt der Fassade ist der leicht aus der Wand herausragende Pseudorizalt. Der Kalksteinausbruch besteht aus einem Balkon, zwei Skulpturen von Adam Antes und einem großen Netz aus schmalen Fenstern. Der so hervorgehobene Teil beherbergt den Hauptsitzungssaal mit Blick auf den Grillopark. Interessanterweise zeigen die Skulpturen an der Fassade Symbole des Handels und der Industrie.

Aus dem Hauptkörper ragt noch der höchste Turm mit einer Uhr und fast industriell anmutenden Lufteinlässen heraus. Eine ähnliche Lösung findet sich in einem anderen Werk des Backsteinexpressionismus in Frankfurt. Der niedrige Körper zur Straße hin wirkt hingegen wie ein vom Rest des Gebäudes losgelöstes Bauwerk. Hohe Strebepfeiler, ein Wappenkartusche und eine Attika fügen sich hervorragend in den modernen Backsteinstil ein und bilden einen repräsentativen Eingang.

Foto: Fred Romero, flickr, CC 2.0

Totale Kunst

Dieser ikonische Stil der späten 1920er Jahre hielt mit seiner kantigen Geometrie auch im Inneren Einzug. Ein besonderes Beispiel für dieses Design ist die Kassettendecke des Sitzungssaals. Die ersten Beamten betraten diese prächtigen Innenräume des modernen Gebäudes im Jahr 1930. Leider wurde das Rathaus nach einigen Jahren während der Luftangriffe der Alliierten auf das Ruhrgebiet bombardiert. Die Schäden waren nicht schwerwiegend, allerdings verschwanden zwei Skulpturen von der Fassade des Gebäudes. Das alte Rathaus aus dem 19. Jahrhundert hatte nicht so viel Glück und wurde nach dem Krieg abgerissen.

Das Rathaus in Oberhausen überstand den Nationalsozialismus, die Bombardierungen und eine kürzlich erfolgte, sehr kostspielige Renovierung. Auch wenn es kein Musterbeispiel für Backsteinexpressionismus ist, fügt sich sein beeindruckendes modernistisches Design doch in das deutsche Gesamtkunstwerk ein. Jedes Detail wird als kohärenter Teil des künstlerischen Ganzen behandelt, und die erstaunlichen geometrischen Details unterstreichen die zeitlose Schönheit der Architektur der Weimarer Republik. Über ein anderes, diesmal niederländisches Gesamtkunstwerk können Sie HIER lesen.

Quelle: Baukunst-nrw

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