Das Cosmic House ist zweifellos eines der seltsamsten Häuser in London. Jeder Raum des Gebäudes erzählt seine eigene Geschichte, die mit den Jahreszeiten, den Sternen oder dem Kosmos verbunden ist. Der Architekt und Theoretiker Charles Jencks schuf ein Haus, das ein Manifest des Postmodernismus darstellt. Das Cosmic House verbindet Klassik mit Moderne, Ernsthaftigkeit mit Humor und Kitsch mit hoher Kunst. All dies, um den Menschen zu zeigen, dass Architektur nach Jahren des minimalistischen Modernismus jeden begeistern, unterhalten und inspirieren kann … nicht nur den Architekten selbst.
Anti-Modernismus
Der in Baltimore geborene Charles Jencks absolvierte die Harvard University und zog anschließend nach London, wo er sein Studium fortsetzte. Er studierte Architektur und promovierte 1970 in Architekturgeschichte. Wie man sieht, verfügte Jencks über ein enormes Wissen im Bereich der Architektur und wurde zu einem sehr aktiven Theoretiker auf diesem Gebiet. Er verfasste über 40 Bücher, und ein großer Teil seiner theoretischen Arbeit fiel in die Zeit des postmodernen Umbruchs.
Jencks stellte fest, dass der minimalistische Modernismus von Le Corbusier oder Mies van der Rohe nur der elitären Sichtweise der Architekten selbst diene. Allzu oft entstehen die Entwürfe der Modernisten aus einer hochfliegenden Idee, während die tatsächlichen Nutzer der Architektur in kühlen, wenig inspirierenden Gebäuden leben müssen. Die Antwort auf diese Diagnose des Modernismus sollte die Postmoderne sein, die Geschichten erzählt, mit der klassischen Form experimentiert und manchmal sogar unterhält.
1978 begann das wichtigste Experiment des Architekten an einer Villa aus der Zeit um 1840 in Kensington. Der Architekt nannte sein Projekt „Thematic House“ (dt. Themenhaus). Von der Straße aus wirkt die Villa zwar wie ein recht normales, aber prächtiges Anwesen, wie es für diese Gegend der Stadt typisch ist. Klassische Elemente der italienischen Renaissance aus Stuck treffen auf dunkles Londoner Backstein. Doch die Details verraten die postmoderne Verrücktheit des Gebäudes. Anstelle klassischer Balustraden sind durchbrochene Verzierungen zu sehen, die Fenster der oberen Stockwerke erinnern an eine Art Qualle, und zwei große, eckige Pilaster haben mit der Renaissance nichts zu tun.
Die Fassade des Hauses zur Gartenseite zeigt das wahre Gesicht von Jencks’ Idee. Der Entwurf wirkt vertraut. Man erkennt Keilbögen, Pilaster und Dachgauben, doch jedes dieser Elemente wurde vom Architekten zu seinem eigenen kreativen Entwurf umgestaltet. In den überzeichneten Bögen fehlen die Schlusssteine, und in der gesamten Fassade taucht eine stufenförmige Form auf. Das ist das „Jencksiana“, also eine Art architektonische Signatur des Architekten, die eine abstrakte Darstellung eines menschlichen Gesichts darstellen soll. An der Gartenfassade befinden sich vier solcher Elemente, und jedes entspricht einem bestimmten Mitglied der Familie Jencks. Die Form selbst ist zudem eine Variation der venezianischen Renaissancefenster.

Die vier Jahreszeiten
Die Fassade ist jedoch nur ein Vorgeschmack auf die postmoderne Fantasie des Architekten. Bereits am Eingang lädt Jencks in einen geheimnisvollen Vorraum mit Türen in alle Richtungen ein. Die verglasten Türen mit doppelten Türgriffen sind mit Inschriften verziert, die auf die Motive des Hauses hinweisen. An der Decke befindet sich die aus der Fläche herausragende Skulptur „Kosmisches Oval“, also die vermeintliche Form des Universums. Die Form leitet sich aus der ägyptischen Mythologie (und nicht nur dieser) sowie aus Jencks’ Faszination für die Erforschung des Kosmos ab. Die über dem Gesims gemalten Figuren sind Hadrian, Imhotep, Pythagoras, Hirohito und sogar Thomas Jefferson. Die feiernden Figuren verkörpern die Geschichte menschlicher Entdeckungslust, Macht und Gedanken.
Im Erdgeschoss dominieren die Jahreszeiten. Der Wintersalon ist mit ultramarinblauen (dunkelblauen) Paneelen ausgekleidet. Sofort fällt auch der Kamin aus „Marmor“ ins Auge, der in Wirklichkeit nur eine bemalte Hartfaserplatte ist. Über dem Kamin steht eine Büste des griechischen Schmiedegottes Hephaistos. Bemerkenswert sind auch die steinernen „Flammen“ im Kamin. Es handelt sich um Skulpturen aus natürlich erodiertem chinesischem Gongshi-Stein. Der Wintersalon öffnet sich zudem zu den übrigen „Jahreszeiten“.
Noch interessanter ist das Frühlingszimmer, in dem der Architekt einige verspielte Elemente platziert hat. Da die englischen Wörter für Frühling und Feder gleich klingen („spring“), hat der Architekt Lampen mit gewundenen Federn entworfen. Ihre Papierschirme sind lose befestigt, sodass sie herunterfallen, wenn jemand an ihnen vorbeigeht. Die mit Holzbalken umrahmten Sofas in der Mitte des Raumes erinnern an kleine Gebäude, so etwas wie ein unregelmäßiges Kolosseum. Die über dem Kamin hängenden Skulpturen wiederum beziehen sich auf die drei Frühlingsmonate. Dieser und der Winterkamin sind ein Entwurf eines anderen herausragenden Postmodernisten aus den USA – Michael Graves. Erwähnenswert ist, dass der Holztisch in der Mitte an den griechischen Parthenon anknüpfen soll.

Sonnenterrasse
Vom Frühlingssalon gelangt man weiter in einen kleinen Ruhebereich mit großem Fenster. Dieser Bereich befindet sich in einer für die 70er Jahre typischen Vertiefung (Conversation Pit), und die Anordnung der Sitzgelegenheiten wird durch eine am Fenster aufgestellte Sonnenuhr bestimmt. Interessanterweise befindet sich im Erdgeschoss noch ein Ausstellungsraum mit Malachitboden, in dem die Entwicklung der wissenschaftlichen Darstellungen der Sonne gezeigt wird. Dieser Raum bildet den Abschluss des Sonnenzyklus im Erdgeschoss, doch die spektakuläre Treppe setzt ihn in den oberen Stockwerken fort.
Das Herzstück des Hauses bildet die Sonnen-Treppe, die den Verlauf des tropischen Jahres darstellt, also eine vollständige Umrundung der Erde um die Sonne. Die Treppe besteht aus 52 Stufen, die alle Wochen des tropischen Jahres repräsentieren. Jede Stufe ist in einzelne Wochentage unterteilt, und an der Seite sind auch die Symbole der Tierkreiszeichen aus Jencks’ Entwurf zu sehen. Darüber hinaus zeigen die Geländer mithilfe von Metallkugeln den Lauf der Planeten auf ihrer Umlaufbahn. Ganz unten befindet sich zudem ein Mosaik, das ein Schwarzes Loch darstellt.
Wenn man schließlich die Wendeltreppe verlässt, eröffnet sich dem Blick die Architekturbibliothek. Hier bewahrte der Bibliophile Jencks all seine Bücher zur Architekturgeschichte aus aller Welt auf. Jedes Bücherregal nimmt in seinem Design Bezug auf eine bestimmte Epoche und einen bestimmten Ort. Es ist eine Art Stadt aus Bücherregalen, in der jedes „Haus“ durch ein epochales Ornament gekennzeichnet ist. Die „Stadt“ verbirgt sich unter einem wellenförmigen blauen Dach, das an ein Zelt erinnert. Bemerkenswert ist auch die unglaublich geschichtete Wand des Treppenhauses, in die ein Fenster eingelassen ist.

Ein eigenes Universum
Auch das Schlafzimmer des Ehepaars Jencks überrascht mit seinem Motiv. Alles besteht aus kubischen Würfeln, die Jencks als elementaren Bestandteil der Architektur betrachtete. Es gibt noch viele weitere solcher Räume. Die Rede ist hier von einem Mosaik-Badezimmer mit barocker optischer Täuschung, einer indischen Sommerküche oder einem ägyptischen Raum. All dies spiegelt Jencks’ Leidenschaft für die verschiedenen Epochen der Architektur, den Kosmos und den Orient wider.
Die Frau des Architekten – Maggie – starb 1995 an Krebs. Charles Jencks verstarb seinerseits im Jahr 2019 und hinterließ ein physisches Manifest der Postmoderne. Die Jencks-Stiftung übernahm das Haus im Jahr 2021 und öffnete es unter dem Namen Cosmic House für Besucher. Erwähnenswert ist, dass das Haus nicht nur das Werk von Jencks war, sondern auch das seiner Frau (insbesondere das Schlafzimmer und die Skulpturen), des Architekten Terry Farrell und der Bildhauerin Celia Scott.
Heute kann dieses Meisterwerk der Postmoderne besichtigt werden, und der Kurator bereitet thematische Kunstausstellungen vor. Erwähnenswert ist, dass bis zum 18. Dezember 2026 die Ausstellung„All That Changes You. Metamorphosis“des britischen Künstlers Isaac Julien zu sehen ist, der seine Installation speziell für das Cosmic House angepasst hat. Auf diese Weise zeigt die Ausstellung das Haus und die Ideen der Jencks als ihr eigenes Modell des Universums.
Bildquelle: The Cosmic House
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