Das Stuttgarter Rathaus war eines der wichtigsten Gebäude der Stadt und hatte jahrhundertelang als Verwaltungszentrum gedient. Im Zweiten Weltkrieg wurde es schwer beschädigt, und obwohl die Möglichkeit eines Wiederaufbaus bestand, entschieden sich die Behörden für einen Neubau, der den modernistischen Tendenzen im Europa der Nachkriegszeit entsprach. Das heutige Gebäude, das in den 1950er Jahren errichtet wurde, verbindet Fragmente des früheren Gebäudes mit der Schlichtheit und Funktionalität des Internationalen Stils und zeugt vom Wandel der Architektur und der Identität der Stadt in der Nachkriegszeit.
Das älteste Rathaus und die Anfänge einer Tradition
Das erste Stuttgarter Rathaus wurde 1456 erbaut und diente fast vier Jahrhunderte lang seinem Zweck. Das Gebäude repräsentierte lokale Ausprägungen der deutschen Renaissance und war eines der wichtigsten Wahrzeichen der ehemaligen Stadtlandschaft. Seine Präsenz auf dem Marktplatz unterstrich die Bedeutung der Stadtregierung und Stuttgarts Rolle als wachsendes Handels- und Verwaltungszentrum. Am Ende des 19. Jahrhunderts erwies sich das Gebäude jedoch als unzureichend für die wachsenden Bedürfnisse der Großstadt. Die Stuttgarter Behörden beschlossen daher, ein neues Gebäude zu errichten, das den Ansprüchen der wachsenden württembergischen Hauptstadt gerecht werden sollte.

Stuttgarter Rathaus aus dem frühen 20. Jahrhundert
Das neue Rathaus wurde zwischen 1899 und 1905 nach Plänen von Heinrich Jassoy und Johannes Vollmer erbaut. Die Architekten gaben dem Gebäude eine monumentale und markante Form, indem sie Elemente der deutschen Renaissance mit Details der flämischen Gotik kombinierten. Die Fassade des Gebäudes zeichnete sich durch reiche Ornamentik, spitze Fenster und Ziergiebel aus, die dem Gebäude den Charakter eines repräsentativen Sitzes der städtischen Behörden verleihen sollten. Über dem Ganzen befand sich ein Turm mit einer Uhr. In den Innenräumen befanden sich neben Büros und Sitzungsräumen auch Räume für die Bürger, entsprechend der Idee des Rathauses als Treffpunkt und Zentrum des städtischen Lebens. Das Gebäude wurde von den Bürgern gut angenommen und entwickelte sich schnell zu einem der Wahrzeichen Stuttgarts.
Kriegsschäden und die Entscheidung für einen Neubau
Bei den Luftangriffen im Jahr 1944 wurde das Rathausgebäude schwer beschädigt, aber es war nicht das einzige. Ganz Stuttgart erlitt durch die alliierten Bombenangriffe enorme Schäden. In der Folge wurden etwa 68 Prozent der Gebäude der Stadt zerstört, und das historische und unschätzbare Stadtzentrum wurde fast vollständig dem Erdboden gleichgemacht. Die Angriffe forderten auch Tausende von Menschenleben. In den Trümmern der Stadt blieben die Mauern des Rathauses erhalten, die die Grundlage für einen späteren Wiederaufbau des Gebäudes bilden könnten. Im damaligen Klima des Wiederaufbaus im Nachkriegsdeutschland wurde die historisierende Architektur jedoch als anachronistisch und wenig wertvoll eingestuft. Daher entschied man sich für einen radikalen Wiederaufbau des Rathauses im Geiste der Modernität.

Nachkriegs-Rathaus und modernistische Vision
Im Jahr 1950 wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben und ein Entwurf von Hans Paul Schmoh und Paul Stohrer ausgewählt. Ihre kühne Vision wurde zwischen 1953 und 1956 verwirklicht: Die Architekten behielten einige der Flügel des Vorgängerbaus und die Struktur des Turms bei, allerdings in vereinfachter und abgesenkter Form. Das gesamte Gebäude erhielt einen modernistischen Ausdruck, der dem internationalen Stil der Nachkriegsarchitektur entsprach. Der Flügel auf der Marktplatzseite wurde gegenüber dem Original verbreitert. Er zeichnet sich durch eine einfache horizontale Komposition und große Fenster aus. Die Dominante des Gebäudes ist der 61 Meter hohe Uhrenturm mit Glockenspiel, dessen strenge Form im Kontrast zu den historischen Gebäuden des benachbarten Alten Schlosses und der Stiftskirche steht. Das Gebäude wurde als Vierflügelanlage mit einem Innenhof konzipiert. Die Innenräume des neuen Teils wurden mit Marmor und Mosaiken ausgestattet und mit Gemälden verziert. Im Vorkriegsteil sind jedoch noch Spuren der alten Dekoration zu finden.
Das Stuttgarter Rathaus: Architekturund Funktionen heute
Das moderne Rathaus ist ein Komplex mit einer klaren funktionalen Gliederung. Es beherbergt 220 Büros und drei Sitzungssäle, von denen der größte 520 Personen Platz bietet. Das Gebäude zeichnet sich durch sein modernistisches Äußeres aus, das den Platz dominiert, sowie durch einen hohen Turm mit einem Glockenspiel, das täglich zu bestimmten Zeiten erklingt. Eine erhaltene Attraktion sind auch die Paternosteraufzüge, die zu den wenigen aktiven Anlagen ihrer Art in Deutschland gehören. Zwischen 2002 und 2004 wurde das Rathaus umfassend modernisiert. Das Büro Belz, Kucher und Partner unter der Leitung von Walter Belz plante die Renovierung der Fassade, einschließlich der Erneuerung der abgenutzten Kalksteinverkleidung. Außerdem wurden neue Installationen und technische Lösungen installiert, um das Gebäude an die modernen Anforderungen anzupassen. Die Kosten für die Arbeiten beliefen sich auf 26 Millionen Euro.
Obwohl das neue Rathaus im Geiste der Moderne erbaut wurde, weist es noch Elemente auf, die an frühere Bauphasen erinnern. Dazu gehören Fragmente der alten Flügel und die Struktur des Turms, wodurch das heutige Rathaus sowohl eine Fortsetzung als auch eine Neuinterpretation früherer architektonischer Traditionen aus dem frühen 20.
Quelle: stuttgarter-zeitung.de, stuttgart-tourist.de
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Das Stuttgarter Rathaus vor dem Krieg und heute. Foto von Schwäbische Kunst Hans Boettcher, Stuttgart und Pjt56, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons
Der Flügel auf der Marktplatzseite in den 1920er Jahren und heute. Foto: Bildarchiv Foto Marburg und WhiteMAD/Mateusz Markowski
Blick von einer der Marktstraßen auf den Rathausturm, 1930er Jahre und heute. Foto Schmachtenberger & Wehner, Postkartenverlag Gmünde/Main und WhiteMAD/Mateusz Markowski































