fot. arkadoo/polska-org.pl

Der Legnitzer Expressionismus in Trümmern. Wie geht es mit dem ehemaligen Gefängnis weiter?

Was sind die faszinierendsten, verlassenen historischen Stätten in Niederschlesien? Zu ihnen gehört zweifellos das ehemalige Gefängnis in der Ignacego-Daszyńskiego-Straße in Legnica. Die einzigartige Architektur, die dramatische Geschichte des 20. Jahrhunderts und der sich zunehmend verschlechternde Zustand sorgen dafür, dass das Gebäude immer wieder in Diskussionen über den Denkmalschutz auftaucht. Trotz zahlreicher Ideen zu seiner Rettung und Nutzung verfällt das Objekt weiter.

Expressionismus in Ziegelsteinen

Das Gebäude entstand in den Jahren 1929–1930, als Legnica noch unter dem deutschen Namen Liegnitz bekannt war. Der Entwurf stammte vom städtischen Baubeauftragten Paul Oehlmann, dem Schöpfer vieler bedeutender öffentlicher Bauwerke, darunter auch des Neuen Rathauses. Dem Bau des Gebäudes ging der Abriss eines Mietshauses aus dem 19. Jahrhundert voraus. Das neue Gebäude diente von Anfang an als Polizeirevier mit Verwaltungsbereich und Arrest. Heute zählt es zu den wertvollsten Beispielen des Expressionismus in ganz Niederschlesien. Seine Fassade verkörpert die Strömung der „architecture parlante“, bei der die Form des Gebäudes dessen Funktion offenbart. In der gesamten Region sind nur wenige ähnliche Bauwerke erhalten geblieben. Zu ihnen zählen das ehemalige Reichspostamt in Breslau nach einem Entwurf von Lothar Neumann sowie das ehemalige Polizeipräsidium von Rudolf Fernholz.

Foto: Google Maps/ Isa C

Ehemaliges Gefängnis in Legnica: Architektur voller Symbole

Das zweiflügelige Gebäude mit L-förmigem Grundriss schließt eine von Mietshäusern gesäumte Sackgasse ab. Es wurde aus Ziegeln errichtet und mit Details aus Stein ergänzt. Die siebenachsige Fassade besteht aus vertikalen Nischen mit schmalen Fenstern, einem breiten Steinsims und einer durchbrochenen Balustrade. Den Mittelpunkt der Fassade bildet ein mit Granitblöcken eingefasstes Tor. Direkt dahinter befindet sich eine dekorative Vorhalle, die mit Spitzbogen-Nischen, rautenförmigen Motiven und einer pseudokassettierten Decke verziert ist. Im Südflügel befanden sich die Zellen für die Inhaftierten, während der nördliche Teil für die Verwaltung vorgesehen war. Zur Hofseite hin ist eine hohe Backsteinmauer erhalten geblieben, die das ehemalige Spaziergelände der Häftlinge umgibt. Der Entwurf ist von der gotischen Bautradition inspiriert, die in den 1920er Jahren als Ausdruck der deutschen Nationalarchitektur galt.

Die Geschichte des ehemaligen Gestapo-Hauptquartiers

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde das Gebäude von der Gestapo übernommen. In den Zellen wurden politische Gefangene, Mitglieder der Widerstandsbewegung, Zwangsarbeiter sowie Personen festgehalten, denen Aktivitäten gegen das Dritte Reich vorgeworfen wurden. Die Verhöre waren oft von brutaler Gewalt begleitet. Historischen Überlieferungen zufolge befand sich auf dem Gelände des Komplexes auch eine Hinrichtungsmauer. Nach 1945 fiel Legnica an Polen. Das Gebäude selbst blieb während des Krieges von größeren Zerstörungen verschont. In den folgenden Jahren befanden sich in seinen Mauern zunächst eine Untersuchungshaftanstalt, später der Sitz der Bürgermiliz, eine Notunterkunft sowie ein Mitarbeiterhotel der PKP. Während sich die Funktionen des Gebäudes wie in einem Kaleidoskop veränderten, behielten seine Grundform und Fassaden ihr ursprüngliches Aussehen bei.

Das Eingangstor früher und heute. Quelle: polska-org.pl und Google Maps/ Motek

Ein wertvolles Denkmal ohne Zukunft

Das ehemalige Gefängnis befindet sich heute in Privatbesitz. Seit vielen Jahren steht es ungenutzt da, und das Fehlen angemessener Sicherungsmaßnahmen oder Renovierungsarbeiten hat zu einem katastrophalen Zustand geführt. Ein undichtes Dach, feuchte Wände, zerstörte Fenster und Türen, verwüstete Innenräume, Diebstähle von Einrichtungsgegenständen und Vandalismus haben dem gesamten Gebäude deutlich ihren Stempel aufgedrückt. Als wäre das noch nicht genug, brach im Jahr 2012 im Gebäude ein Brand aus, der das Werk der Zerstörung nur noch vollendete. Trotz dieses katastrophalen Zustands sind der Hauptbaukörper, die Backsteinfassaden sowie viele originale Details erhalten geblieben. Auf Antrag des Instituts für Nationales Gedenken wurde das Gebäude 2008 in das Denkmalregister eingetragen. Der Eigentümer versuchte mehrmals, die Immobilie zu verkaufen, doch es gab keine Interessenten – vor allem wegen der enormen Sanierungskosten und der strengen Auflagen des Denkmalschutzbeauftragten hinsichtlich künftiger Arbeiten.

Wird das ehemalige Gefängnis in Legnica wieder zu altem Glanz zurückfinden?

In den letzten Jahren gab es Konzepte, in dem Gebäude Wohnungen, ein Hotel oder Dienstleistungsflächen einzurichten. Keines davon kam jedoch über das Stadium der ersten Planungen hinaus. Im Jahr 2026 steht das ehemalige Gefängnis weiterhin leer. Für Architekturhistoriker ist es eines der herausragendsten Werke von Paul Oehlmann und zugleich eines der wertvollsten Beispiele des Expressionismus in diesem Teil Polens. Leider bedeutet jedes weitere Jahr ohne Sicherung des Gebäudes einen weiteren Verlust an wertvoller Bausubstanz. Es besteht zwar noch eine Chance auf seine Rettung, doch die Zeit arbeitet gegen dieses einzigartige Denkmal in Legnica.

Quelle: zabytek.pl

Lesen Sie auch:Architektur in Polen | Ziegel|Denkmal|Geschichte | Modernismus