Versteckt irgendwo in den Wäldern Niedersachsens erzählt die Kunststätte Bossard eine unbekannte Geschichte der deutschen expressionistischen Kunst. Darüber hinaus verwandelte der Künstler Johann Bossard sein Anwesen in einen wahren nordischen Tempel. Doch ein Skandal, der 2017 ans Licht kam, enthüllte das wahre, erschütternde Ziel von Bossards Kunst. Der Künstler strebte eine romantische Wiedergeburt der deutschen Nation im Geiste des nordischen Odins an, und bei der Verwirklichung dieses Ziels sollte ihm der größte Verbrecher des 20. Jahrhunderts helfen.
Der Kampf
Johann Bossard, geboren Ende des 19. Jahrhunderts, arbeitete jahrelang an seinem Erfolg. Er stammte aus der Kleinstadt Zug in der Schweiz, und genau diese Stadt gewährte ihm ein kleines Stipendium für ein Studium in München. Zuvor hatte Johann beim Bau von Öfen geholfen, um sich irgendwie sein Traumstudium finanzieren zu können.
Nach seiner Zeit in München zog der Künstler nach Berlin, wo er erste Erfolge in der Kunst erzielte. Seine Bilder und Skulpturen weckten das Interesse von Käufern, und mit der Zeit begannen sich auch Städte für die Projekte des Künstlers zu interessieren. Dank der neuen Mittel konnte Bossard sein Studium fortsetzen, und 1906 wurde er Professor an der Hamburger Kunstakademie und begann zu lehren. Nach einigen Jahren Arbeit kaufte der Künstler ein Grundstück im kleinen Jesteburg bei Hamburg und beschloss, dort ein Gesamtkunstwerk zu schaffen. Das gewaltige Meisterwerk sollte verschiedene Kunstsparten vereinen und die Ansichten des Besitzers zum Ausdruck bringen.
Gesamtkunstwerk
Der Bau begann 1912, wurde jedoch durch den Ersten Weltkrieg schnell unterbrochen. Bossard wurde an die Westfront versetzt, wo er von 1916 bis zum Kriegsende kämpfte. Obwohl die katastrophale Lage Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg den weiteren Bau unmöglich machte, wurden die Arbeiten nach einiger Zeit wieder aufgenommen. Gerade nach dem Krieg wandte sich Bossard allmählich von der neoklassizistischen Bildhauerei einer völlig neuen expressionistischen und kubistischen Kunst zu.
Dieser neue Stil, oder vielmehr die Idee des Gesamtkunstwerks, diente der Schaffung eines Hauses, in dem jeder Zentimeter ein Kunstwerk ist. Darüber hinaus entstand unter den deutschen Anhängern des Gesamtkunstwerks die Idee einer Wiedergeburt und der Ablehnung der bedrückenden Gegenwart. Bossard und seine Kunst waren eine Reaktion auf die sich rasch wandelnde Welt und eine gewisse Belanglosigkeit der Ära Kaiser Wilhelms II. Diese Stagnation stand im Zusammenhang mit dem Ende des 19. Jahrhunderts spürbaren Zerfall der sozialen Strukturen und dem schwindenden Patriotismus einiger Deutscher. Nach Ansicht des Künstlers verschlechterte sich die Lage nach der Gründung der Weimarer Republik.
Die Rückkehr zur Heimat
Die Antwort auf diese Schwäche der deutschen Gesellschaft war der Heimatschutzstil, der sich an regionalen Motiven der alten deutschen Architektur orientierte. Bossard nutzte diesen Stil für den Bau seines Wohnhauses und Ateliers, die sich durch eine expressionistische Backsteinfassade auszeichneten. Die Fassade ist durch verschiedene Ziegelarten und Verflechtungen gegliedert. Besonders interessant sind die korbartigen Verflechtungen, die an Geflecht erinnern. An der Fassade sind auch Skulpturen zu sehen, und in die Fenster sind fast runenartige Muster eingefügt. Dieses letzte Element ist kein Zufall, aber dazu später mehr.
Die Innenräume des Ateliers sollen an ein heimeliges Haus erinnern, das von kubistischer und abstrakter Kunst durchflutet ist. Scharfe Formen und mythische Figuren schaffen eine fantastische Welt, die von der deutschen Romantik inspiriert ist. Gerade diese Epoche war ein wichtiger Bezugspunkt für die Schöpfer der Gesamtkunstwerk-Bewegung und für Bossard. Bemerkenswert sind auch die allgegenwärtigen Skulpturen, die auf nordische Mythen anspielen, in denen Bossard vorgermanische Wurzeln sah.

Wer die Geschichte des 20. Jahrhunderts kennt, hat wahrscheinlich bereits bemerkt, dass diese märchenhafte, idyllische Atmosphäre keineswegs so unschuldig ist. Erzählungen von nordischen, vorgermanischen Göttern, der Wiedergeburt des deutschen Volkes und einer von der Natur geschaffenen Volksseele lassen sofort Assoziationen zum Volkismus aufkommen. Diese unter dem wohlhabenden deutschen Bürgertum verbreitete Weltanschauung beruhte auf den zuvor genannten neopaganistischen und nationalistischen Ideen. Mit der Zeit kamen zum Volkismus wissenschaftlicher Rassismus, „Rassenüberlegenheit“ und Antisemitismus hinzu. Die Inspirationen durch nordische Mythen sind also kein Zufall, doch es ist auch erwähnenswert, dass Bossards politischer Ansatz sehr differenziert war.
Den Höhepunkt des Anwesens bildet ein wahrer Tempel der neuheidnischen Kunst (Kunsttempel). Das quadratische Bauwerk entstand ab 1926 und war Bossards Lebenswerk.Der in den 1920er Jahren angesagte„Brick Expressionism“ inspirierte den Künstler zur Schaffung einer spektakulären Klinkerfassade mit in die Wände eingemauerten Keramikskulpturen. Die dunkelblauen Gesichter und Figuren beziehen sich auf Szenen aus der nordischen Mythologie, und dasselbe Motiv wurde auf den Kupfertüren zum Tempel wiederholt. Bemerkenswert sind auch die spitzen, dreieckigen Giebel mit ihrer Metallkonstruktion.

Ragnarök
Im Inneren wollte der Künstler drei Zyklen seiner Kunst präsentieren, die Geschichten erzählen: vom Kampf des Menschen mit der Natur, von der abstrakten Welt vor der Entstehung von Lebewesen und von der Harmonie der Menschheit mit den Göttern. Das Interieur erinnert an skandinavische Bauernhütten aus Holz, und die scharfen, unregelmäßigen Verzierungen sind typische Elemente des deutschen Expressionismus. Die Polychromien wurden direkt auf das Holz gemalt, und das Ganze wird durch ein großes Kassettenoberlicht mit mythischen Szenen erhellt. Da es sich um ein Gesamtkunstwerk handelt, ist jeder Zentimeter mit Verzierungen, Reliefs oder Skulpturen bedeckt.
Ein weiterer wichtiger Raum ist der Eddasaal. Die Edda sind zwei altnordische Werke aus Island, in denen die wichtigsten nordischen Mythen enthalten sind. Diese Geschichten wurden an den Wänden des ehemaligen Ateliers im Haus von Bossard dargestellt. Mitautorin dieser Wandmalereien ist Johanns Frau Jutta, die der Künstler 1926 heiratete. Interessanterweise lernte sich das Paar an der Hochschule kennen, an der Johann Dozent und Jutta Studentin war. Die Wandmalereien bedecken die gesamte Fläche des Raumes, und unter den dargestellten Figuren finden sich unter anderem Odin oder Heimdall, der in sein Horn blasen soll, um Ragnarök (das nordische Weltuntergangs-Ereignis) einzuleiten.
Für Johann Bossard war das in den nordischen Schriften beschriebene Weltuntergangsbild nicht nur romantische Fiktion. Diese alte Welt, deren Verkörperung die schwache und chaotische Weimarer Republik war, musste verschwinden. Nach der Apokalypse sollte die Welt wiedergeboren werden und der Mensch zur Einheit mit der Natur zurückkehren. Odin selbst war ein Symbol für Mut und Opferbereitschaft, mit dem sich der Künstler identifizierte, da der mythische Gott sein Auge geopfert haben soll, um geheimes Wissen zu erlangen.

Ein „unglücklicher“ Fund
Bossard starb 1950 in der Abgeschiedenheit seines Anwesens, und seine Frau führte die Arbeit und die Pflege ihres Kunstschatzes bis zu ihrem Tod im Jahr 1996 fort. Danach ging das Anwesen in den Besitz ihrer Stiftung über, die zum Schutz der Kunst der Bossards gegründet worden war, und Mittel für die Erhaltung flossen auch von den umliegenden Gemeinden und Banken. Die Einstellung der Öffentlichkeit und der Medien gegenüber der Kunststätte Bossard änderte sich jedoch im Jahr 2017, als sich herausstellte, dass sich im Boden des Eddasaals ein Hakenkreuz befindet, das dort nach 1933 angebracht wurde.
Medien und große Zeitungen wie die Deutsche Welle oder die New York Times begannen, von einem „Museum für einen Nazi“ und möglichen Pilgerfahrten von Neonazis an diesen Ort zu berichten. Johann Bossard wurde als Antisemit und Nazi bezeichnet, und das Museum Kunststätte Bossard sah sich mit schwerwiegenden Vorwürfen konfrontiert. Die Reaktion des Museums erfolgte jedoch schnell und präzise. Der Vorstand beauftragte Historiker mit der Erstellung eines Berichts über Bossards Ansichten und seine Beziehungen zur NSDAP.

Schuldig oder unschuldig
In der endgültigen Fassung des Berichts von 2024 stellte sich heraus, dass Bossards Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus sehr differenziert war. Einerseits unterstützte der Künstler Hitlers Machtübernahme und sah in ihm denjenigen, der das untergegangene deutsche Volk wiederbeleben würde. Andererseits war er nie Mitglied der NSDAP, und nach den Säuberungsaktionen von 1934 wandte sich Bossard vom Hitlerismus ab und distanzierte sich von politischen Angelegenheiten. Durch seine Verbindungen zur Partei wollte der Künstler mit seiner Kunst die Eliten der NSDAP erreichen, doch nach 1933 stellte sich heraus, dass Hitler keineswegs ein Anhänger des romantischen Neopaganismus und der expressionistischen Kunst war. Alfred Rosenberg, einer der Theoretiker des Nationalsozialismus, kam persönlich, um seine Werke zu besichtigen, doch Bossards Kunst gefiel ihm nicht.
Nach 1934 erkannte Bossard zudem, dass dieser „Neue Mensch“, den er sich von Hitler erhofft hatte, sich als politischer Schachzug erwiesen hatte und dass seine romantischen Ideen ein Werkzeug der nationalsozialistischen Diktatur waren. Was den Antisemitismus betrifft, so haben Forscher zwar unbequeme Zitate gefunden, doch ist anzumerken, dass die Rasse für Bossard keine Ansammlung physischer Merkmale war. Es ging vielmehr um die zuvor erwähnte „Seele des Volkes“. Es gibt auch keine Beweise für seine Unterstützung der Vernichtung der Juden oder der Idee des Lebensraums. Um dieses heikle Thema besser zu verstehen, lohnt es sich, den hundertseitigen Bericht zu lesen, der auf Deutsch verfügbar ist. Wie man sieht, sind Orte wie die Kunststätte Bossard notwendig, nicht nur, um spektakuläre Kunst zu präsentieren, sondern auch, um die Erinnerung an die schwierige und dunkle Vergangenheit Deutschlands wachzuhalten. Über einen anderen, ähnlichen Fall aus dem nahegelegenen Bremen kann man HIER lesen.
Quelle: Kunststätte Bossard
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