An der repräsentativsten Straße der Kaunaser Altstadt wurde vor einigen Jahren der neue Sitz des katholischen Radiosenders „Marijos Radijas“ eingeweiht. Das Bauprojekt füllte eine Lücke in der historischen Fassadenreihe, löste jedoch gleichzeitig eine Diskussion über den Einfluss moderner Architektur auf die historische Umgebung aus.
Ein leerstehendes Grundstück seit über 100 Jahren
Die Geschichte des Grundstücks in der Vilniaus-Straße 5 ist recht interessant. Untersuchungen vor Baubeginn ergaben, dass hier vor über 100 Jahren eine kleine Apotheke aus Holz stand. Das Gebäude brannte höchstwahrscheinlich nieder, und das leere Gelände blieb danach mehrere Jahrzehnte lang ungenutzt. In der Sowjetzeit wurde auf dem Grundstück ein kleiner Platz angelegt, später wuchsen dort Wildpflanzen, und es verwandelte sich in ein vernachlässigtes Brachland. Wichtig ist, dass bei den Ausgrabungen keine historischen Fundamente oder andere bedeutende Überreste früherer Bebauung aus der Zeit vor der Apotheke gefunden wurden. Diese Tatsache spielte später eine wichtige Rolle bei der Gestaltung des neuen Gebäudes des Radiosenders Marijos Radijas.

Der Sitz des Radiosenders Marijos Radijas in Kaunas
Marijos Radijas sendete ursprünglich von seinem Sitz in der M. Daukšos-Straße aus, doch vor etwa 10 Jahren wurde beschlossen, ein neues Gebäude für den Sender zu errichten. Die Wahl des Grundstücks in der Vilniaus-Straße war kein Zufall. Es liegt nur wenige Gehminuten von der Kathedrale St. Peter und Paul sowie den wichtigsten kirchlichen Einrichtungen Kaunas’ entfernt. Das Projekt wurde hauptsächlich durch Spenden von Hörern und Unterstützern des Senders finanziert. Das Grundstück selbst befindet sich an einem besonders exponierten Ort in der Altstadt. Es grenzt unter anderem an den Komplex der ehemaligen Pfarrei und die sogenannte Königliche Taverne, die zu den wertvollsten Denkmälern der Stadt gehören. Gerade die Nähe zu diesen Bauwerken führte dazu, dass das Projekt des neuen Sendersitzes von Anfang an unter besonderer Beobachtung von Denkmalschützern, Architekten und Einwohnern stand. Die Bauarbeiten begannen 2017 und dauerten drei Jahre.
Moderne in historischer Umgebung
Das Konzept stammt von einem Team aus dem Büro von E. Miliūnas. An dem Projekt arbeiteten Aurimas Ramanauskas, Dalia Paulauskienė und Džiugas Karalius. Die Architekten hatten keine historischen Vorbilder, da das Grundstück keine nennenswerte Geschichte aufwies. Die Planer lehnten auch die Idee ab, das Gebäude im Stil eines alten Stadthauses zu gestalten. Stattdessen entschieden sie sich für einen minimalistischen, leicht abstrakten Baukörper mit geometrischen Formen. Die Fassaden mit großen Glasflächen wurden mit grau-cremefarbenen Ziegeln verkleidet. Im Inneren wurden Radiostudios, Büros, Technikräume und eine Kapelle eingerichtet. Neben dem Gebäude entstand ein kleiner Innenhof.

Der Sitz von Marijos Radijas spaltete die Einwohner
Nach dem Abbau des Gerüsts im Jahr 2020 brach ein regelrechter Sturm los. In den sozialen Medien hagelte es fast sofort Kritik. Die Einwohner von Kaunas waren der Meinung, dass der Glas-Beton-Baukörper einen zu starken Kontrast zu den umliegenden historischen Gebäuden bilde. Der häufigste Vorwurf war das Fehlen eines traditionellen Daches sowie eine Ästhetik, die sich deutlich von der übrigen Bebauung der Altstadt unterscheidet. Mit der Zeit überschritt die Diskussion die Grenzen Litauens und fand Eingang in internationale Debatten über zeitgenössische Projekte in historischen Stadtzentren.
Unabhängig von ästhetischen Bewertungen ist der neue Sitz des Radiosenders Marijos Radijas nach wie vor ein viel diskutiertes Projekt, eines der bekanntesten in der zeitgenössischen Architekturgeschichte Litauens.

Quelle: kaunas.kasvyksta.lt, lrytas.lt
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Die Vilniaus-Straße im Jahr 2014 und 2025. Foto: Google Maps
Ein leeres Grundstück im Jahr 2014 und das heutige Gebäude des Senders. Foto: Google Maps und Mateusz Markowski/WhiteMAD







