Im „Stary Browar“ in Posen ist die Boutique Solmé entstanden – ein Raum, der das moderne Einkaufserlebnis neu definiert und radikale Ästhetik mit dem Konzept des verantwortungsvollen Designs verbindet. Die Architekten des Büros raw07 haben ein Interieur geschaffen, das nicht nur Kollektionen polnischer und italienischer Marken präsentiert, sondern auch von Wandel, Kreislaufwirtschaft und einem bewussten Umgang mit Materialien erzählt.
Das Projekt sah von Anfang an eine Abkehr vom traditionellen Luxusverständnis vor. Anstelle perfekt verarbeiteter Oberflächen tritt bewusste Unvollkommenheit, und anstelle dekorativer Überfülle – pragmatische Reduktion. Es ist ein Interieur, das mit den Kollektionen und den Nutzern lebt und offen für ständige Neuinterpretation bleibt.
Modularität und Kreislaufwirtschaft als Grundlage des Projekts
Ein zentraler Ansatz war die Umsetzung der Prinzipien der Kreislaufwirtschaft. Die Einrichtungselemente wurden aus Aluminiumprofilen gefertigt, wie sie aus der Industrie und aus Laboren bekannt sind, und nach dem Prinzip „Design for Disassembly“ entworfen. Sie lassen sich konfigurieren, beschädigungsfrei demontieren und in einer anderen Funktion oder an einem anderen Standort wiederverwenden. Die Minimierung der Bauarbeiten und das Belassen eines Teils der Gipskartonwände im Rohzustand sind ein bewusster Akt des Widerstands gegen eine auf Überfluss basierende Ästhetik – eine Lösung, die gleichzeitig die Abfallmenge über den gesamten Lebenszyklus der Innenräume hinweg reduziert.
Das Möbelsystem basiert auf Modularität und Variabilität. Die Konstruktionen aus Edelstahl bleiben unlackiert, behalten so ihre authentische, rohe Form und ermöglichen ein vollständiges Recycling. Ihre Mobilität ermöglicht eine ständige Neugestaltung der funktionalen Anordnung, wodurch die Boutique auf wechselnde Kollektionen und Ausstellungsanforderungen reagieren kann.

Die Weichheit der Textilien
Einen Kontrapunkt zur industriellen Strenge bilden austauschbare textile Accessoires: Bänder, Vorhänge oder mit Stoff umwickelte Stangen. Sie sorgen für Weichheit, saisonale Abwechslung und ein subtiles Spiel mit der Mode. Eine wichtige Rolle spielen auch halbtransparente Formen aus Plexiglas, die aus recycelbaren Materialien hergestellt sind. Diese flüchtigen Elemente erinnern an die „Geister“ der Kleidung – zarte, faszinierende Strukturen, die die Wahrnehmung der Besucher anregen und es ermöglichen, dem Raum durch ihren Austausch schnell eine neue Identität zu verleihen.
Zwischen Beständigkeit und Vergänglichkeit
Die Oberflächenmaterialien schaffen einen bewussten Dialog zwischen handwerklicher Eleganz und Unvollkommenheit. Polierte Edelstahlpaneele werden der Rohheit unbearbeiteter Gipskartonplatten gegenübergestellt und unterstreichen so die Spannung zwischen Beständigkeit und Vergänglichkeit. Die Wände bilden einen pragmatischen Hintergrund für die Kleidung, während experimentelle, geätzte Spiegel die Grenzen zwischen dem scheinbar unfertigen Innenraum und der Reflexion der präsentierten Kollektionen verwischen.

Die funktionale Anordnung basiert auf einer Abfolge von Entdeckungen. Das Eingangstor erfüllt eine doppelte Funktion: Es dient als Hintergrund für die Ausstellung und verdeckt gleichzeitig einen Teil des Innenraums, wodurch eine Spannung zwischen dem Sichtbaren und dem, was sich im hinteren Teil des Raums befindet, entsteht. Das zweite Tor, das den Umkleidebereich abgrenzt, wird zu einem nicht auf den ersten Blick erkennbaren Ausstellungsraum und verbirgt die notwendigen Hinterzimmer.
Die Boutique Solmé präsentiert ein neues Innenraumkonzept. Angesichts der Klimakrise verzichtet sie auf das gängige Luxusbild und setzt stattdessen auf den Dialog zwischen der Schlichtheit und der scheinbaren Unvollkommenheit der Ausführung einerseits und der Weichheit und Qualität der präsentierten Kollektionen andererseits. Es ist ein Raum, der die Ästhetik des modernen Direktverkaufs neu definiert und zeigt, dass verantwortungsbewusstes Design gleichzeitig ausdrucksstark, bewusst und zutiefst fesselnd sein kann.
Entwurf: raw07
Fotos: Studio-Archiv
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