Die Franziskanerkirche in Krakau zählt zu den wertvollsten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Für ihren außergewöhnlichen Wert ist jedoch nicht ihre mittelalterliche Herkunft ausschlaggebend, sondern die weitaus jüngeren Jugendstil-Innenräume, die von Stanisław Wyspiański gestaltet wurden. Die an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstandenen Polychromien und Glasmalereien verwandelten die gotische Kirche in ein Spektakel aus Licht, Farbe und Symbolik. Genau hier entstand die vollständigste Umsetzung der künstlerischen Ideen des herausragenden Vertreters der „Jungen Polen“-Bewegung.
Die Franziskanerkirche in Krakau und der Brand
Die Jugendstilausstattung der Kirche wäre nicht entstanden, hätte die Stadt nicht eine große Tragödie heimgesucht. Im Juli 1850 wurde Krakau von einem gewaltigen Brand heimgesucht, der über 150 Gebäude zerstörte. Das Feuer erreichte auch den Franziskanerkomplex am Allerheiligenplatz. Die Dächer der Kirche und des Klosters, die Gewölbe sowie die Innenausstattung wurden zerstört oder beschädigt. Zahlreiche Gemälde, liturgische Geräte, Dokumente und Archivmaterialien zur Geschichte des Ordens gingen unwiederbringlich verloren. Mit dem Wiederaufbau des abgebrannten Denkmals wurde der Architekt Karol Kremer betraut, der der Kirche ihr gotisches Erscheinungsbild zurückgab. Die Innenräume hingegen blieben relativ schlicht, ohne dass eine konkrete Vorstellung von ihrer Neugestaltung vorlag. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts luden die Franziskaner den jungen Stanisław Wyspiański zur Zusammenarbeit ein. Der Künstler wusste damals noch nicht, dass er gerade dabei war, sein Lebenswerk zu schaffen.
Stanisław Wyspiański: ein Künstler mit vielen Talenten
Stanisław Wyspiański wurde 1869 in Krakau geboren. Heute ist er vor allem als eine der herausragendsten Persönlichkeiten der Epoche des „Jungen Polens“ in Erinnerung geblieben. Er war Maler, Dichter, Dramatiker, Grafiker, Bühnenbildner und Innenarchitekt. Er wurde unter der Leitung von Jan Matejko an der Krakauer Kunstakademie ausgebildet und vertiefte anschließend seine Fähigkeiten in Paris. Mittelalterliche Denkmäler, der Symbolismus und der Jugendstil faszinierten ihn. In seinem Schaffen strebte er danach, eine Vision zu schaffen, in der Malerei, Architektur, Dekoration und Licht ein einheitliches und vollendetes Ganzes bilden. Die durch einen Brand beschädigte Franziskanerkirche erwies sich als idealer Ort, um diese Ambitionen zu verwirklichen.

Gotikmauern von Blumen erobert
Die Arbeiten an den Wandmalereien begannen im Jahr 1895. Anstelle der damals beliebten biblischen Szenen und Heiligenbilder schmückte der Künstler die Wände und Gewölbe der Kirche mit prächtigen Pflanzenmotiven. Seine Inspiration bezog er aus der heimischen Natur. Zu den Verzierungen gehörten Iris, Lilien, Mohnblumen, Sonnenblumen, Kornblumen, Stiefmütterchen und Sumpfdotterblumen. Die Blumen erinnern jedoch nicht an einen botanischen Atlas. Sie wurden in dynamische Ornamente verwandelt, wie sie für den damals beliebten Jugendstil typisch waren. Sie ranken an den Wänden empor, umschlingen die Gewölberippen und schaffen einen märchenhaften Garten im Inneren der mittelalterlichen Kirche. Wyspiański ergänzte seine kühne Vision mit intensiven Blau-, Türkis-, Violett-, Grün-, Rot- und Goldtönen.
Die Franziskanerkirche in Krakau und Wyspiańskis Jugendstil
Gleich neben den Polychromien entstanden Entwürfe für Glasmalereien. Zwischen 1897 und 1899 füllten bunte Glasstücke die großen Fenster des Presbyteriums, die den heiligen Franz von Assisi, die selige Salomea sowie einen von den Elementen inspirierten Zyklus darstellten. Der Künstler ging bei der Interpretation von Wasser, Feuer, Erde und Luft sehr mutig vor und schuf Kompositionen aus Licht, Farbe und Dynamik. Viele Kunsthistoriker sehen in ihnen eine Vorwegnahme von Strömungen, die sich später in der abstrakten Kunst entwickelten. Die Glasmalereien wurden aus handgefärbtem Glas in der renommierten Werkstatt Tiroler Glasmalerei in Innsbruck angefertigt. Die einzelnen Elemente wurden geschnitten, mit speziellen Farben bemalt, gebrannt und anschließend mit Bleiprofilverbindungen zusammengefügt. Dadurch erhalten die Fenster eine außergewöhnliche Tiefe.

„Gott Vater – Es werde!“
Den krönenden Abschluss des gesamten Projekts des Künstlers bildete das 1904 fertiggestellte Glasfenster „Gottvater – Es werde!“, das in einem riesigen Fenster direkt über dem Chor angebracht wurde. Wyspiański brach hier mit der traditionellen Vorstellung vom Schöpfer als ruhigem, auf dem Thron sitzendem Greis. Stattdessen stellte er eine Gestalt dar, die voller Energie, Bewegung und Kraft ist. Ausgestreckte Arme, wehende Gewänder und wirbelnde Linien vermitteln das Bild des Augenblicks der Schöpfung der Welt. Bunte Strahlen, die in die Kirche fallen, wandern über Wände und Boden und verwandeln das gesamte Innere in ein lebendiges Kunstwerk. Gerade diese Einheit von Architektur, Polychromie, Glasmalerei und Licht machte das Gebäude zu der heute vollständigsten Verwirklichung der Idee des Gesamtkunstwerks. Wyspiański starb 1907 im Alter von nur 38 Jahren. Er hinterließ ein Juwel des polnischen Jugendstils und eine der herausragendsten Errungenschaften der modernen Sakralkunst in ganz Europa.
Quelle: mnk.pl, pieknykrakow.pl
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