Die fast tausendjährige Kathedrale St. Mauritius in Angers wurde um einen neuen Anbau erweitert, der Frankreich gespalten hat. Der vom japanischen Architekten Kengo Kuma entworfene Vorbau wurde am 9. April 2026 feierlich eröffnet, doch sein Entwurf löste bereits in der Konzeptphase eine breite Debatte über die Grenzen des Einflusses zeitgenössischer Architektur auf die wertvollsten Denkmäler aus.
Die Kathedrale von Angers und der ehemalige Vorbau
Die Kathedrale St. Mauritius in Angers ist eine der bedeutendsten Kirchen Westfrankreichs. Ihre Anfänge reichen bis ins 11. Jahrhundert zurück, während sich ihr heutiges Erscheinungsbild hauptsächlich zwischen dem 12. und 13. Jahrhundert herausbildete. Das Gebäude repräsentiert die angevinische Gotik, eine regionale Stilrichtung, die an ihren leicht gewölbten Gewölben und ihrer kompakten Form zu erkennen ist. Die Kathedrale war eng mit der Dynastie der Plantagenets verbunden. Der Überlieferung zufolge fand hier im Jahr 1152 die Hochzeit von Heinrich II. Plantagenet und Eleonore von Aquitanien statt. Das Westportal der Kirche wurde über Jahrhunderte hinweg durch eine tiefe Vorhalle geschützt. Im Jahr 1807 wurde diese jedoch abgerissen, nachdem sie zuvor durch einen Blitzschlag beschädigt worden war. Bei den 2009 begonnenen Restaurierungsarbeiten stellte sich heraus, dass das freigelegte Element verfällt, da es den Witterungseinflüssen direkt ausgesetzt ist. Bei der Reinigung kamen außergewöhnlich gut erhaltene Polychromien aus dem 12. und 17. Jahrhundert zum Vorschein. Auf den Skulpturen sind intensive Rot-, Blau- und Goldtöne erhalten geblieben, was bei Außenverzierungen mittelalterlicher französischer Kathedralen äußerst selten ist. Das Kulturministerium, die Behörden von Angers und die Diözese beschlossen daher, das Portal wieder zu überdachen. Vor dem Gebäude wurde daher eine provisorische Holzkonstruktion aufgestellt, in Erwartung des Baus einer richtigen Überdachung. Letztendlich mussten die Einwohner darauf ganze 17 Jahre warten.

Fünf Arkaden aus Beton und Licht
Der neue Vorbau wurde vom japanischen Architekten Kengo Kuma entworfen. Sein Entwurf erinnert an einen modernen Narthex, der vor der Fassade des Gotteshauses steht. Das Bauwerk ist etwa 21 Meter lang, 7 Meter breit und über 11 Meter hoch. Das markanteste Motiv bilden fünf riesige Arkaden. Drei davon sind frontal angeordnet, zwei an den Seiten. Das Ganze ist offen gestaltet, sodass man das Portal weiterhin vom Platz vor der Kathedrale aus betrachten kann. Kengo Kuma hat sich nicht an eine historische Rekonstruktion des zu Beginn des 19. Jahrhunderts abgerissenen Portals gewagt. Anstelle einer Kopie gotischer Details entstanden vereinfachte Archivolten mit fast abstrakter Geometrie. Der Architekt ließ sich von mittelalterlichen Entwurfsmethoden inspirieren, die auf mit dem Zirkel festgelegten Proportionen basieren. Auch das Licht spielte eine wichtige Rolle. Die Arkaden werfen sanfte Schatten auf das Portal und die polychromen Skulpturen und schaffen so eine Art gefilterten Übergangsbereich zwischen dem Platz und dem Innenraum der Kirche.
Beton, der an Tuffstein erinnert
Ursprünglich wurde erwogen, für den Bau den für das Loire-Tal charakteristischen lokalen Tuffstein zu verwenden. Das Material erwies sich jedoch als zu spröde für eine so große Konstruktion. Letztendlich wurde die Galerie aus vorgefertigtem UHPC-Beton, also ultrahochfestem, faserverstärktem Beton, errichtet. Der Mischung wurde Zuschlagstoff aus lokalen Steinen beigemischt, damit die fertige Oberfläche einen hellen, cremig-beigen Farbton erhielt, der an historischen Kalktuff erinnert. Das Gesamtgewicht beträgt etwa 450 Tonnen. Die strenge Geometrie und der Verzicht auf Verzierungen lassen das neue Element eher wie einen skulpturalen Rahmen als wie ein traditionelles Gebäude wirken. Der Bau begann im Jahr 2025 nach Abschluss der archäologischen Untersuchungen. Der Entwurf wurde fünf Jahre zuvor in einem internationalen Wettbewerb ausgewählt, an dem unter anderem auch Rudy Ricciotti, Philippe Prost und Bernard Desmoulin teilnahmen. Die Investitionskosten beliefen sich auf rund 5,5 Millionen Euro und wurden vom französischen Kulturministerium finanziert.

Die Kathedrale von Angers im Kreuzfeuer der Kritik
Kaum ein Denkmalschutzprojekt hat in Frankreich in den letzten Jahren so starke und gegensätzliche Emotionen hervorgerufen. Nach Ansicht der einen hält Kumas Entwurf Abstand zur mittelalterlichen Fassade und gibt nicht vor, ein Denkmal zu sein. Positiv aufgenommen wird auch die Entscheidung, von einer historisierenden Rekonstruktion abzusehen. Das französische Kulturministerium bezeichnet das Projekt als vorbildlichen Denkmalschutz. Die Kritiker reagieren deutlich schärfer. In den Medien tauchten Bezeichnungen wie „architektonischer Auswuchs“, „Beton-UFO“ oder sogar „architektonisches Massaker“ auf. Der am häufigsten vorgebrachte Vorwurf betrifft die visuelle Schwere der Galerie und ihren Kontrast zur zarten romanisch-gotischen Fassade der Kathedrale. Die Befürworter des Projekts erinnern jedoch daran, dass die Kirche im Laufe der Jahrhunderte ihr Aussehen mehrfach verändert hat. Die heutige Galerie wird daher als weiterer Abschnitt in der langen Geschichte der Kirche betrachtet, die seit dem 11. Jahrhundert ständig Umbauten, Restaurierungen und Modifikationen unterzogen wurde.
Nachfolgend ein Beitrag vom Profil „Architecture Hub“, unter dem man verschiedene Meinungen zum Bauwerk in Angers nachlesen kann:
Entwurf: Kengo Kuma & Associates
Quelle: culture.gouv.fr, angers.fr
Lesen Sie auch: Sakrale Architektur|Geschichte | Beton|Frankreich|Detail|Denkmal|whiteMAD auf Instagram




