Dobre Miasto (dt. Guttstadt) war während seiner jahrhundertelangen Geschichte ein gemütliches und reizvolles religiöses Zentrum von Ermland. Noch vor dem Zweiten Weltkrieg prangten im Stadtzentrum elegante Fassaden von Bürgerhäusern, auf dem Marktplatz rund um das historische Rathaus blühte der Handel, und über allem thronte die gotische Stiftskirche. Im Jahr 1945 kamen jedoch die Sowjets und machten den Großteil der Bebauung dem Erdboden gleich. Heute sind von dieser Altstadt nur noch kleine Fragmente erhalten.
Die Stadt des Warmischen Domkapitels
Dobre Miasto erhielt 1329 das Stadtrecht. Gegründet wurde es vom Warmischen Domkapitel auf dem Gelände einer früheren prussischen Siedlung. Die Stadt wurde auf einer Insel angelegt, die von den Gewässern der Łyna und einem Verteidigungskanal umgeben war. Bald darauf entstanden Stadtmauern mit drei Toren und Türmen. In den folgenden Jahrhunderten war das damalige Guttstadt ein wichtiges religiöses Zentrum. Der Sitz des Stiftskapitels stand in seiner Bedeutung nur der Versammlung in Frombork nach. In den Jahren 1466–1772 gehörte die Stadt als Teil des autonomen Ermlands zum Königreich Polen und fiel nach der ersten Teilung an Preußen. Im Laufe ihrer jahrhundertelangen Geschichte wurde sie nach zahlreichen Bränden und Kriegen immer wieder aufgebaut.

Wie sah Dobre Miasto vor dem Krieg aus?
Vor 1945 ähnelte Dobre Miasto anderen historischen Städten in Ermland, wie Orneta, Reszel oder Lidzbark Warmiński. Zentralpunkt war natürlich der Marktplatz, umgeben von Bürgerhäusern aus verschiedenen Epochen und in unterschiedlichen Stilrichtungen, von dem aus sich ein seit dem Mittelalter erhaltenes regelmäßiges Straßennetz erstreckte. Das bedeutendste Denkmal ist die gotische Stiftskirche des Heiligen Erlösers und Allerheiligen – eine der größten Kirchen in Ermland. Im 19. Jahrhundert erfuhr die historische und kompakte Bebauung trotz der Entwicklung der städtischen Industrie und der Eisenbahn keine wesentlichen Veränderungen. Neben den historischen Kirchen und Bürgerhäusern befanden sich hier Industriebetriebe, ein Bahnhof und ein Gaswerk.
Die Einwohner und die Dramatik des Zweiten Weltkriegs
Im Jahr 1939 zählte Guttstadt fast 6.000 Einwohner. Zwar überwog unter ihnen die deutschsprachige Bevölkerung, doch viele Menschen behielten ihre katholische Identität bei, da ein Teil der Familien polnische Wurzeln hatte. Der Zweite Weltkrieg erreichte die Łyna erst im Februar 1945. Damals besetzte die Rote Armee die von Kugeln und Bomben verschonte Stadt, um ihr bald darauf die größte Verwüstung in ihrer über 600-jährigen Geschichte zuzufügen. Innerhalb von zwei Wochen zerstörten russische Soldaten 65 % der Bebauung (einige Quellen sprechen sogar von 80 %) und brannten etwa 485 Gebäude nieder. Am stärksten betroffen war die Innenstadt mit dem Marktplatz, dem Rathaus und den Bürgerhäusern. Darüber hinaus zerstörten die Soldaten der Roten Armee das Kraftwerk, das Gaswerk, die Wasserwerke, Mühlen, Bäckereien und Geschäfte. Angesichts dieses Ausmaßes der Zerstörung ist es bemerkenswert, dass die gotische Stiftskirche nahezu unversehrt blieb. Leider wurde ein Teil der unschätzbaren Ausstattung aus ihrem Inneren geraubt.

Die Altstadt kehrte nie zurück
Nach dem Krieg befand sich das fast entvölkerte Dobre Miasto erneut innerhalb der Grenzen Polens. Im Jahr 1946 lebten hier nur noch 966 Menschen. Die deutschen Einwohner flohen in den Westen oder wurden vertrieben, an ihre Stelle traten Siedler aus anderen Regionen unseres Landes sowie aus den ehemaligen Ostgebieten. Die polnischen Behörden entschieden sich nicht für einen Wiederaufbau des Marktplatzes und seiner Umgebung nach dem Vorbild von Warschau, Posen oder Danzig. Es fehlte an Geld, Baumaterialien und einer wirtschaftlichen Begründung für diese Entscheidung. Die Ruinen wurden daher abgerissen, und ab den 1960er Jahren begann man an ihrer Stelle mit dem Bau von Wohnsiedlungen aus Fertigteilplatten. Diese waren viel billiger als gemauerte Häuser mit Verzierungen und ermöglichten es, den neu angekommenen Bewohnern schnell eine Unterkunft zu bieten.
Dobre Miasto – was ist bis heute erhalten geblieben?
Trotz des katastrophalen Ausmaßes der Zerstörung von Dobre Miasto haben seine wertvollsten Denkmäler überlebt. Noch immer kann man hier die Stiftskirche, die Störchturm, Teile der Stadtmauer sowie ehemalige Getreidespeicher besichtigen. Dank ihnen lässt sich die mittelalterliche Geschichte der Stadt nachvollziehen, auch wenn der Großteil der historischen Bebauung verloren gegangen ist.

Das Schicksal des ehemaligen Guttstadt war kein Einzelfall. Die bis 1945 deutschen Städte Elbląg, Braniewo, Kołobrzeg, Koszalin oder Kostrzyn nad Odrą wurden ebenfalls in Trümmerfelder verwandelt. Heute gehört Dobre Miasto zum Cittaslow-Netzwerk und zählt knapp 10.000 Einwohner. Es gibt kein offizielles Programm zum Wiederaufbau des zerstörten Marktplatzes, doch die Renovierung der erhaltenen Teile ist im Gange.
Quelle: dobremiasto.org, perlypolski.pl, dobremiasto.com.pl
Lesen Sie auch:whiteMAD auf Instagram|Stadtplanung|Denkmal|Geschichte|Stadt|Architektur in Polen
Guttstadt um 1932 und Dobre Miasto im Jahr 1967. Quelle: bildarchiv-ostpreussen.de und Zbyszko Siemaszko – mit Hilfe von KI korrigiert
Der Marktplatz in den 1930er Jahren und der heutige Johannes-Paul-II.-Platz. Quelle: bildarchiv-ostpreussen.de und Google Maps
Der Storchen-Turm im Jahr 1941 und 2025. Quelle: bildarchiv-ostpreussen.de und Google Maps
Der Bahnhof in Dobry Miasto vor dem Krieg und heute. Quelle: bildarchiv-ostpreussen.de und Google Maps











