willa rożnowskich

Die Villa der Familie Rożnowski – eine heute nicht mehr existierende Residenz am Fuße des Wawel

Fast ein halbes Jahrhundert lang stand am Ufer der Weichsel und gegenüber dem Wawel die Villa Rożnowski – eine Residenz, die an ein romantisches Schlösschen erinnerte. Ihr eleganter Baukörper war auf zahlreichen Postkarten und Gemälden aus der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zu sehen und bildete einen festen Bestandteil der Krakauer Stadtlandschaft. Heute ist von dem Gebäude keine Spur mehr zu sehen. Es wurde 1938 im Zuge der Regulierung der Weichsel abgerissen.

Die Villa der Familie Rożnowski – eine Residenz direkt an der Weichsel

Die Villa wurde 1891 im Dorf Dębniki errichtet, das damals außerhalb der Verwaltungsgrenzen Krakaus lag. Diese Tatsache war von großer Bedeutung, denn während auf der Stadtseite sehr strenge Bauvorschriften galten, fanden diese auf der anderen Seite des Flusses keine Anwendung mehr. Die Familie Rożnowski nutzte dies zu ihrem Vorteil und errichtete ihre Residenz direkt am Flusslauf der Weichsel, wodurch sie sich den schönsten Ausblick auf den Wawel-Hügel aus den Fenstern sicherte; zudem erweckte der Baukörper der Villa den Eindruck, über dem Wasser zu schweben. In den folgenden Jahren festigte sich die Legende von der „Villa auf der Insel“. Tatsächlich stand das Gebäude auf dem Festland, auf der in den Fluss hineinragenden Landzunge Cypl Dębnicki. Bei Hochwasser der Weichsel wurde die Umgebung des Gebäudes jedoch manchmal vom Ufer abgeschnitten, was die Vorstellung von einer einsamen Residenz mitten im Fluss nur noch beflügelte.

Neugotisches Schlösschen aus rotem Backstein

Die Architektur der Villa zog schon aus großer Entfernung die Blicke auf sich. Das Gebäude war im neugotischen Stil gehalten, der Ende des 19. Jahrhunderts äußerst beliebt war. Der asymmetrische Baukörper erinnerte an eine romantische Residenz oder ein kleines Schloss, wie man es aus der historischen Malerei kennt. Das gesamte Gebäude war aus rotem Backstein gemauert, der einen Kontrast zum Grün am Flussufer und den hellen Kalksteinfelsen des Wawel bildete, aber mit den historischen Gebäuden der königlichen Residenz harmonierte. Der östliche Teil des Gebäudes hatte drei Stockwerke, der mittlere zwei, und über ihnen thronte ein vierseitiger Turm mit einem pyramidenförmigen Dach. Die Fassaden der Villa zierten Spitzbogenfenster, dekorative Giebel sowie vertikale Gliederungen, die typisch für die Neugotik waren. In der Ära der Postkartenfotografie wurde die Residenz der Familie Rożnowski sehr schnell zu einem beliebten Motiv für Aufnahmen, die sowohl vom Wawel aus als auch in dessen Richtung gemacht wurden.

Blick auf die Villa vom Wawel aus, 1934. Quelle: fortepan.hu

Die Familie Rożnowski und die Legende vom „Weißen Hirsch“

Der Stifter der Villa war Michał Rożnowski, ein Vertreter der großpolnischen Adelsfamilie mit dem Wappen Nowina, die aus Skoki stammte. Nach ihm übernahm sein Verwandter Wojciech Rożnowski das Anwesen, und nach 1904 ging die Villa in den Besitz von Wojciechs Kindern über. Die Geschwister Ida und Edward Rożnowski waren damals noch sehr jung, weshalb sich ihre Mutter – Maria Rożnowska, geb. Łempicka – um die Verwaltung des Anwesens kümmerte. Aus den Unterlagen geht hervor, dass das Gebäude auch vermietet wurde. Dort gab es sogar eine Wodka-Brennerei. Um die Familie selbst rankten sich im Laufe der Jahre zahlreiche Legenden. Die bekannteste verband die Eigentümer mit der Herstellung der berühmten grauen Seife „Biały Jeleń“. War das so? Nicht ganz. Tatsächlich gehörte die Fabrik einem anderen Zweig der Familie Rożnowski. Dennoch kehrt die Geschichte vom Vermögen, das auf der beliebten Seife aufgebaut wurde, bis heute als Teil der Legende über die Familie von der Weichsel zurück.

Die Villa der Rożnowskis dem Wasser ausgeliefert

Der prestigeträchtige Standort der Villa am Fuße des Wawel erwies sich zugleich als ihr Fluch. Die Residenz wurde nämlich auf Überschwemmungsland errichtet, das ständig den Einflüssen der Weichsel ausgesetzt war. Häufige Überschwemmungen beschädigten das Gebäude regelmäßig und schnitten es für viele Wochen vom Festland ab. Archivfotos zeigen provisorische Stege und Wasser, das fast bis an die Mauern reichte. Besonders schwerwiegend waren die Hochwasser von 1903, 1925 und 1934. Die österreichisch-ungarischen Behörden, unter deren Herrschaft Krakau damals stand, führten immer häufiger das Argument des Hochwasserschutzes an, allerdings nicht mehr nur für die Residenz selbst, sondern für den gesamten Verlauf der Weichsel in der Nähe des Wawel. Die Landzunge Dębnicki verursachte nämlich tückische Strudel, behinderte die Schifffahrt und trug dazu bei, den Hügel mit der unschätzbaren Residenz der polnischen Herrscher – und den damaligen Kasernen der Besatzungsmächte – zu unterspülen. Die zunehmend schwierige Situation im Zusammenhang mit der Villa führte dazu, dass die Familie Rożnowski um 1920 enteignet wurde. Als Entschädigung erhielt sie eine Abfindung, während die Immobilie in den Besitz des Staates überging.

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Die Villa während der Überschwemmung, 1925. Quelle: Staatsarchiv in Krakau

Die Villa der Familie Rożnowski und ihr weiteres Schicksal

Das weitere Schicksal der Villa schien nach der Enteignung besiegelt zu sein, doch die ganze Angelegenheit nahm eine recht unerwartete Wendung. Das Gebäude wurde gar nicht abgerissen. Im Gegenteil, dort wurde die Direktion für Wasserstraßen untergebracht, die später als Staatliche Verwaltung für Wasserstraßen fungierte. Die für die Regulierung der Weichsel zuständigen Beamten arbeiteten also jahrelang in einem Gebäude, das als Hindernis für die Schifffahrt und den Hochwasserschutz im Zentrum von Krakau galt. Die ehemalige Residenz der Familie Rożnowski prägte noch fast 20 Jahre lang das Stadtbild am Fuße des Wawel und diente als große Attraktion und beliebtes Fotomotiv. Jede weitere Überschwemmung verschlechterte jedoch den baulichen Zustand des Gebäudes. Über sein Schicksal entschied schließlich die verheerende Hochwasserkatastrophe von 1934.

Regulierung der Weichsel und des Dębnicki-Landzungs

In der zweiten Hälfte der 1930er Jahre wurden endlich die lang erwarteten und umfangreichen Regulierungsarbeiten an der Weichsel in Angriff genommen. Die Villa der Familie Rożnowski stand dem Projekt zur Umgestaltung der Flussbiegung am Wawel im Weg, weshalb sie 1938 abgerissen wurde. Nach ihrem Abriss wurde die Dębnicki-Landzunge um mehrere Dutzend Meter verkürzt und neu profiliert, um die Strömung des Flusses zu beruhigen. An der Stelle der ehemaligen Residenz wurde später der Strand „Wawel“ angelegt. Dieser Teil des Krakauer Flussufers mit dem Badestrand verschwand endgültig nach der Inbetriebnahme des Staudamms Dąbie im Jahr 1965. Die Landzunge geriet damals unter Wasser, und die aus Vorkriegspostkarten bekannte Landschaft ging endgültig in die Geschichte ein. Heute erstreckt sich in der Nähe der Zamkowa-Straße, wo fast 50 Jahre lang die rote Villa stand, ein reguliertes Ufer und ein Teil des Poleski-Boulevards. Hier sind weder Überreste des Gebäudes noch seiner Ausstattung erhalten geblieben, und es wurde auch kein offizielles Denkmal für die berühmte Residenz errichtet. Die Erinnerung an sie lebt vor allem in Archivfotos und Legenden weiter.

Baggerschiffe auf der Weichsel in der Nähe der Dębnicki-Brücke, 1938. Quelle: NAC – Nationales Digitalarchiv

Quelle: zwiadowcahistorii.pl, lifeinkrakow.pl

Die Weichsel und die Villa während der Überschwemmung im Jahr 1924 sowie derselbe Ort heute. Quelle: Polnisches Luftfahrtmuseum in Krakau und Google Earth

Blick auf den Wawel im Jahr 1926 und 100 Jahre später. Quelle: NAC – Nationales Digitalarchiv und Google Maps

Panorama mit Blick auf den Wawel um 1933 und im Jahr 2024. Quelle: Polnisches Luftfahrtmuseum in Krakau und Google Earth