In Wrzeszcz, einem der charakteristischsten Stadtteile von Danzig, verflechten sich Architekturgeschichte und Gegenwart fast auf Schritt und Tritt. In einem der über hundert Jahre alten Mietshäuser in der Brzozowa-Straße befindet sich eine Wohnung, deren Umbau ein Versuch war, den Respekt vor der bestehenden Bausubstanz mit einer ausdrucksstarken, zeitgenössischen Formensprache zu verbinden. Verantwortlich für die Umsetzung sind Maciej Ryniewicz vom Architekturbüro Akurat und Rafał Kaletowski.
Die 80 Quadratmeter große Wohnung hatte im Laufe der Jahre nach und nach ihren ursprünglichen Charakter verloren und erforderte eine umfassende Sanierung. Die Arbeiten, die unter der Aufsicht des Eigentümers durchgeführt wurden, dauerten fast zwei Jahre. Dabei mussten die Designer nicht nur das Alter des Gebäudes berücksichtigen, sondern auch den Denkmalschutz des Mietshauses sowie die entlang der Straße wachsenden Birken.
Anstatt die Spuren der Geschichte zu verwischen, beschlossen die Architekten, diese hervorzuheben und durch neue Elemente zu ergänzen. Die vorhandenen Fenster- und Türrahmen wurden restauriert, und dort, wo eine Erhaltung nicht möglich war, wurden originalgetreue Rekonstruktionen angefertigt. Eine wichtige Rolle spielten lokale Handwerker, die dabei halfen, die dekorativen Details an Wänden und Decken wiederherzustellen. Dadurch wurde die historische Schicht der Wohnung nicht nur zur Dekoration, sondern blieb ein integraler Bestandteil ihres zeitgenössischen Charakters.
Eiche, die den Raum strukturiert
Eines der markantesten Elemente des Entwurfs ist der Flur. Seine Wand ist mit über 200 Paneelen aus massiver Eiche verkleidet, von denen jedes etwa drei Meter lang ist. Ihre rhythmische Anordnung führt durch die Wohnung in Richtung des zentralen Teils des Wohnbereichs.
Die Holzfläche erfüllt jedoch nicht nur eine dekorative Funktion. Hinter der skulpturalen Wand verbergen sich einige Nebenfunktionen – ein Kleiderschrank, eine Speisekammer sowie der Zugang zum Badezimmer. Dadurch bleiben die technischen Einrichtungselemente nahezu unsichtbar, und der Innenraum bewahrt seine optische Ordnung.
Eine besondere Herausforderung stellte das kleine WC mit unregelmäßigem Grundriss dar. Anstatt zu versuchen, die ungewöhnliche Geometrie des Raums optisch zu verbergen, beschlossen die Designer, sie hervorzuheben. Die Wände wurden mit Fliesen verkleidet, die in einer fließenden, ununterbrochenen Komposition verlegt wurden. So entstand eine fast skulpturale Form, die dem Raum Charakter verleiht und gleichzeitig seine komplexe Geometrie ordnet.

Eine Messinginsel im Zentrum des Hauses
Im Wohnbereich trifft die historische Substanz des Stadthauses auf weitaus modernere Lösungen. Neben restaurierten Elementen finden sich Vintage-Möbel, die auf Auktionen in Polen und im Ausland aufgestöbert wurden, sowie Eigenentwürfe des Ateliers Akurat, die von lokalen Handwerkern gefertigt wurden.
Das markanteste Element des Wohnbereichs ist die mit Messing verkleidete Küchenhalbinsel. Ihre ungewöhnliche, dreieckige Form ist kein Zufall – sie ergibt sich aus der Geometrie des Raums, in dem Wohnzimmer, Küche und Esszimmer einen einzigen offenen Raum bilden.
Dieses markante Möbelstück wird sich im Laufe der Zeit verändern. Die Messingoberfläche wird eine Patina entwickeln und auf Licht und Umgebung reagieren. Besonders am Abend reflektiert das Metall das Licht aus verschiedenen Richtungen, wodurch die Kücheninsel fast zu einer sich wandelnden Skulptur wird.
Die Küchenzeile selbst wurde eher als Möbelstück denn als herkömmliche Einbauküche konzipiert. Trotz ihrer kompakten Größe vereint sie alle notwendigen Funktionen, und ihre Form fügt sich optisch harmonisch in den übrigen Wohnbereich ein. Aus den bei der Herstellung übrig gebliebenen Materialien entstand ein runder Esstisch. Dazu passen französische Stühle mit charakteristischen Sitzflächen aus Kunstharz.
Danzig im Interieur verewigt
Der Eigentümer betrachtete die Wohnung nicht nur als Wohnraum, sondern auch als Ort für seine Sammlung. An den Wänden hängen seltene historische Plakate mit politischen Motiven, die er über Jahre hinweg gesammelt hat.
Zu den zeitgenössischen Bezügen gehört auch ein Gemälde von Jacek Kłosiński, das Lech Wałęsa darstellt. Dies ist eine besonders deutliche Hommage an Danzig und seine jüngste Geschichte – eine Stadt, die untrennbar mit der Entstehung der Solidarność und der Figur ihres Führers verbunden ist.
Das Projekt in der Brzozowa-Straße versucht also nicht, die Vergangenheit eins zu eins nachzubilden. Stattdessen nutzt es sie als Ausgangspunkt für eine zeitgemäße Innenausstattung. Originelle Details, Holzarbeiten und Dekorationen stehen hier neben Messing, skulpturalen Einbauten, Vintage-Möbeln und eigenständigen Entwürfen. Dadurch hat das über hundert Jahre alte Mietshaus neues Leben erhalten, während gleichzeitig die Erinnerung an den Ort, an dem es entstanden ist, bewahrt bleibt.
Entwurf: Atelier Akurat
Fotos: PION Studio
Siehe auch: Wohnung | Architektur | Küche | Badezimmer | Wohnsiedlung




