Am portugiesischen Strand Praia da Granja unweit von Porto ist es gelungen, ein historisches Gebäude aus dem späten 19. Jahrhundert zu retten. Die ehemalige Assembleia da Granja stand viele Jahre lang in Vergessenheit und verfiel zunehmend. Das Architekturbüro Lousinha Arquitectos hat ihr neues Leben eingehaucht. Heute dient das Gebäude als Wohnhaus.
Die Geschichte der portugiesischen Seebäder
Die Assembleia da Granja nimmt einen ganzen Häuserblock im Zentrum der Stadt Vila Nova de Gaia ein und entstand Ende des 19. Jahrhunderts, in der Blütezeit der portugiesischen Seebäder. Damals zog Granja die intellektuelle und aristokratische Elite des Landes an. Zu den Besuchern zählten unter anderem König Carlos I. mit Königin Amélia sowie Schriftsteller wie Eça de Queirós oder Camilo Castelo Branco. Die Atmosphäre dieses Ortes wird durch die Worte von Ramalho Ortigão wiedergegeben, der Granja als „den prächtigsten und reinsten Seebadort des ganzen Landes“ bezeichnete. Das Gebäude der Assembleia da Granja war Teil davon, wodurch es sich großer Beliebtheit und beträchtlichem Ansehen erfreute.

Was war die Assembleia da Granja eigentlich?
Um die Bedeutung dieses Gebäudes zu verstehen, muss man die Besonderheiten der Zeit um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert betrachten. Die Assembleia da Granja fungierte als elitärer Treffpunkt, vergleichbar mit den Gesellschaftsklubs, die aus anderen europäischen Kurorten bekannt waren. Hier wurden Bälle, Konzerte und kulturelle Veranstaltungen organisiert, die den Rhythmus der Sommersaison am Atlantik bestimmten. Das Gebäude fungierte als Zentrum des gesellschaftlichen Lebens, als Ort des Gedankenaustauschs und der Beziehungsbildung in den höchsten Kreisen und festigte gleichzeitig die Position der Stadt als sehr angesagten Kurort.
Renovierung durch Lousinha Arquitectos
Politische und wirtschaftliche Veränderungen im Land führten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur Schließung des Gebäudes. Über 40 Jahre ohne angemessene Pflege und Renovierungen brachten den einst prächtigen Kurortclub an den Rand des Verfalls und der Ruine. Leider waren die Schäden so groß, dass sich der Abriss als unvermeidlich erwies, als man sich schließlich daran machte, das Gebäude zu retten. Die Architekten des Büros Lousinha Arquitectos beschlossen jedoch, die Geschichte dieses Ortes zu würdigen und die wichtigsten Elemente des Baukörpers originalgetreu wiederherzustellen. Besonderes Augenmerk legten sie auf die Details, da diese den gesamten Charakter des Gebäudes ausmachen. Die Steine der Hauptfassade wurden markiert, abgetragen und anschließend in ihrer ursprünglichen Anordnung und Form wieder zusammengesetzt. Durch diese Maßnahme konnten die ursprünglichen Teile der ehemaligen Assembleia da Granja erhalten bleiben.

Alt und Neu im gelungenen Dialog
Das restaurierte Gebäude funktioniert heute in Verbindung mit dem neuen Teil. Sein markantestes Element ist der skulpturale Brise-soleil (frz. „Sonnenbrecher“), dessen unregelmäßiger Rhythmus an die Äste der alten Bäume erinnert, die das Grundstück umgeben. Das Projekt hatte von Anfang an nicht die Absicht, die Grenze zwischen der neuen und der alten Assembleia da Granja zu verwischen. Im Gegenteil: Die Architekten sorgten dafür, dass die Unterschiede deutlich erkennbar sind, indem sie die Vielschichtigkeit ihrer reichen Geschichte in das Gebäude einfließen ließen.
Assembleia da Granja – Komposition des Gebäudes
Die Anordnung des Gebäudes wird durch eine von Ost nach West verlaufende Achse bestimmt. Sie gibt die Bewegungsrichtungen im Gebäude vor und führt durch einen Innenhof, der an einen Klosterkreuzgang erinnert. Genau dort konzentrieren sich Tageslicht und natürliche Belüftung und gelangen in die Gemeinschaftsbereiche sowie in die einzelnen Wohnungen. Der Innenhof ist für Außenstehende von außen nicht sichtbar und offenbart sich erst nach dem Betreten des Innenbereichs des Quartiers. Seine Präsenz überrascht und macht den Besuch des Gebäudes interessant und lädt zur weiteren Erkundung ein.
Neue Funktion in alten Mauern
In dem restaurierten Komplex des ehemaligen Pavillons für elitäre Zusammenkünfte befinden sich 14 Wohnungen sowie zwei Gewerbeeinheiten. Die vielfältigen Grundrisse bieten sowohl kompakte Einzimmerwohnungen als auch Apartments mit Zwischengeschossen oder breiten, zum Meer hin ausgerichteten Terrassen. Das Untergeschoss nimmt fast das gesamte Grundstück ein und ist dank Oberlichtern und verglasten Eingängen gut beleuchtet.
Rückseite des Gebäudes vor und nach dem Umbau. Foto: Google Maps
Durch das Projekt konnte die Gebäudefront entlang der hinteren Gasse geschlossen werden, wo viele Jahre lang eine Lücke bestand. Neben dem Gebäude entstand kürzlich im Rahmen der Modernisierung des gesamten Netzes an der Küste ein Bahnhof. Das renovierte Denkmal pulsiert wieder vor Leben und erinnert an die große Geschichte dieses unscheinbaren Ortes.
Entwurf: Lousinha Arquitectos
Standort: Praia da Granja, Vila Nova de Gaia, Portugal
Fläche: 3595 m²
Fotos: Ivo Tavares Studio
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