Ein silberner Ring über der Straße. Das ist die Tondo-Fußgängerbrücke in Brüssel

Im Komplex des belgischen Parlaments in Brüssel ist eine ungewöhnliche Fußgängerbrücke zu sehen. Das von OFFICE Kersten Geers David Van Severen entworfene „Tondo“ hat die Form eines Stahlrings und ist zwischen zwei Gebäuden gespannt. Die runde Form ergibt sich aus der Notwendigkeit, den Höhenunterschied zu überwinden und gleichzeitig eine für Rollstuhlfahrer geeignete Steigung zu gewährleisten.

„Tondo“ in Brüssel in Form eines Rings

Das Projekt entstand in den Jahren 2017–2020 im Auftrag der belgischen Regierung. Das „Tondo“ wurde nicht ausschließlich als technischer Übergang zwischen den Gebäuden betrachtet. Die Architekten verliehen ihm eine markante, fast eigenständige Form, die zu einem unverwechselbaren Bestandteil des Parlamentskomplexes wurde. Der Name „Tondo“ leitet sich von der Renaissance-Bezeichnung für ein rundes Kunstwerk ab. Die Ringform hat hier zudem eine sehr praktische Begründung. Aufgrund des Höhenunterschieds zwischen den Stockwerken beider Gebäude wäre eine gerade Fußgängerbrücke für Rollstuhlfahrer zu steil. Durch den kreisförmigen Verlauf konnte die Strecke verlängert und eine sanftere Neigung erreicht werden.

Stahldach und nahezu unsichtbare Aufhängung

Die Konstruktion besteht aus einer starren Stahlscheibe aus vorgefertigten Elementen, die vor Ort montiert wurden. Am Dach sind schlanke, weiß lackierte Metallstangen aufgehängt. Dank ihrer geringen Abmessungen wirkt der Boden, als würde er fast ohne sichtbare Stützen schweben. Von außen wirkt das Tondo undurchsichtig. Seine Oberfläche ist mit polierten Edelstahlpaneelen mit Spiegelglanz-Oberfläche verkleidet. Diese spiegeln die Fassade des Parlamentsgebäudes aus dem 18. Jahrhundert sowie dessen modernen Flügel auf der anderen Straßenseite wider.

Das gläserne Innere von Tondo und das Spiel der Reflexionen

Von innen sieht die Fußgängerbrücke ganz anders aus. Die geschwungene Glasfassade eröffnet den Blick auf die Umgebung, sodass Passanten während ihres Rundgangs Brüssel beobachten können. Gleichzeitig verhindert die lichtreflektierende Oberfläche, dass man von der Straße aus ins Innere blicken kann. Von außen können Passanten jedoch die Silhouetten der Menschen erkennen, die sich im Inneren des Tondo bewegen. Dieser Effekt erinnert an die Seufzerbrücke in Venedig, die ebenfalls einen geschlossenen, sich deutlich von der Umgebung abhebenden Durchgang bildet.

Wichtige Auszeichnungen für eine kleine Form

Das „Tondo“ hat eine Fläche von gerade einmal 110 m², sticht dennoch aus dem Komplex des belgischen Parlaments hervor und hat nicht wenig Ruhm erlangt. Die Fußgängerbrücke wurde für den Brussels Architecture Prize 2021 in der Kategorie „Small Intervention“ sowie für den Mies-van-der-Rohe-Preis 2022, eine der bedeutendsten europäischen Architekturauszeichnungen, nominiert. Im Jahr 2022 erhielt sie zudem den Steel Construction Award in der Kategorie „Specific elements in steel“.

Entwurf: OFFICE Kersten Geers David Van Severen
Konstruktion: Bollinger Grohmann
Fotos: Bas Princen

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