Die Erich-Kästner-Ziegelschule in Frankfurt (Oder) ist ein Grenzjuwel der Vorkriegsarchitektur. Trotz der schwierigen Geschichte der Stadt nach dem Ersten Weltkrieg hat der Architekt des Gebäudes keine Kosten für feine Details und expressionistische Formen gescheut. Mehr noch: Trotz der schweren Zerstörung der gesamten Stadt im Zweiten Weltkrieg sind die ursprünglichen keramischen Details der Schule bis heute erhalten geblieben.
Die neue Realität
Das Ende des Deutschen Reiches nach dem Ersten Weltkrieg hatte für die Verliererseite kolossale Folgen. Zudem führte der Verlust der Ostgebiete an das nach 123 Jahren wiedererstandene Polen zu einem Einbruch in den Grenzstädten der Weimarer Republik. Der Handel mit den von Polen zurückgewonnenen Gebieten kam zum Erliegen, wodurch Städte wie Frankfurt (Oder) in finanzielle Schwierigkeiten gerieten. Frankfurt, das ein wichtiger Punkt auf der Eisenbahnkarte des Zweiten Reiches war, verlor in der neuen Nachkriegsrealität an Bedeutung. Über die Blütezeit der deutschen Reichsarchitektur wiederum können Sie HIER lesen.
1926 lebten in Frankfurt mehr als 8.000 Flüchtlinge aus den ehemaligen östlichen Grenzgebieten des Reiches. Dies bedeutete, dass die verarmte Stadt mit dem Bau weiterer Schulen und öffentlicher Einrichtungen beginnen musste. Aus diesem Grund versuchten der Stadtplaner Hugo Althoff und der Architekt Josef Gesing, eine große moderne Paul-von-Hindenburg-Schule im Westen der Stadt zu entwerfen.

Frische Gotik
Das Gebäude wurde vor allem dank der Arbeit von deutschen Flüchtlingen aus dem Osten errichtet, und die Schule wurde bereits 1927 eröffnet. Die Schüler wurden von der schweren Backsteinfassade des dreiflügeligen Bauwerks begrüßt. Interessanterweise ist der mittlere Teil der Fassade vom Rest des Blocks zurückgesetzt, und seine Tektonik ist faszinierend. Der markante, ausdrucksstarke Erker setzt durch seine dreieckige Form ein starkes Zeichen.
Die scheinbar gewöhnlichen Ziegel der Fassade sind in verschiedenen klassischen Formen angeordnet. Es handelt sich um Backsteinlisenen, Bögen, Gesimse und Friese. Ein besonders wichtiges Element ist der gotische Spitzbogen, der den Eingang abschirmt. Über der Eingangstreppe wiederum erstrecken sich sternförmige Diener, die an jene des Mittelalters erinnern. Heiteres Grün verbindet sich mit Rot und Weiß zu einer schlichten, aber stilvollen Ergänzung. Es ist erwähnenswert, dass die Fassade voller geometrischer Muster ist, die die Meisterschaft der Architekten im Backsteinexpressionismus unterstreichen.

Porzellankammer
Die künstlerische Gestaltung des Innenraums übergab Gesing an den Berliner Maler Robert Sandfort. Der Künstler hatte sich jahrelang mit der Polychromie von Kirchen im brandenburgischen Raum beschäftigt und seine Kunst basierte auf einer Anhäufung von eindrucksvollen Mustern. Aus diesem Grund sind Sandforts Wandmalereien in der Hindenburgschule gerade die zahlreichen Ornamente, die sich auf Natur- und Schulthemen beziehen. Grüne und blaue Muster, die an chinesisches Porzellan oder europäische Fayencen erinnern, wurden auf weiße Keramikfliesen aufgebracht. Besonders interessant sind die Giebel über den Türen, die einen Eselsrücken bilden und Vögel inmitten der Vegetation zeigen.
Der repräsentativste Raum der Schule ist die Aula mit einer Fläche von 300 Quadratmetern. Die Fenster der Aula sind mit Buntglas mit allegorischen Darstellungen von Schulobjekten verziert. Dank dieser Details bleibt die Gesamtgestaltung kohärent und die spätgotischen Elemente erhalten eine neue Bedeutung.
Die Paul-von-Hindenburg-Schule in Frankfurt beeindruckte durch ihre vielen modernen Elemente. Die Klassenräume waren groß (50 m²) und gut ausgestattet. Es gab separate Chemie- und Physiklabore, eine Werkstatt, eine Küche, eine Waschküche und ein großes Badehaus. Insgesamt gab es bis zu 39 verschiedene Klassenräume, und auch für die Unterbringung des Personals fehlte es nicht an Platz. Trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage war die Schule mit einer modernen Heizungsanlage ausgestattet, und die Architekten hatten sogar dafür gesorgt, dass zahlreiche Trinkwasserquellen in den Wänden installiert wurden.
Nichts Gutes ist einfach
Am Ende des Zweiten Weltkriegs war Frankfurt (Oder) zu 93% zerstört. Die Hindenburgschule überlebte jedoch die Zerstörung der Stadt, weil die Deutschen in ihr ein Lazarett einrichteten. Interessanterweise kam Sandfort, der Mitglied der Nazipartei war, bei der Bombardierung ums Leben, und der Architekt Gesing überlebte die Kriegswirren. Nach dem Krieg half Gesing beim Wiederaufbau des zerstörten Frankfurts.
Nach 1945 erhielt die Schule einen neuen Mäzen – August Bebel. Einer der Führer der deutschen Sozialdemokratie passte besser zu den DDR-Behörden als Hindenburg, der die Machtübernahme der Nazis zugelassen hatte. Der Wechsel des Schirmherrn war auch mit einer Änderung des Namens der Straße verbunden, in der die Schule liegt.
Es ist erwähnenswert, dass der derzeitige Schirmherr der Schule, Erich Kästner, ein Schriftsteller und Dichter war, der von der NSDAP verfolgt wurde. Nach dem Wechsel des Schirmherrn wurde über den Flurtüren eine Inschrift angebracht, die übersetzt lautet: „Nichts Gutes kommt leicht“. Diese Inschrift ist der Titel von Kästners Buch.
Die ehemalige Hindenburgschule in Frankfurt/Oder ist eines der wenigen lokalen Zeugnisse der beeindruckenden Architektur der 1920er Jahre. Heute ist das Gebäude eine versteckte Perle des Backsteinexpressionismus und es gibt kaum Informationen darüber. Die Schönheit der Backsteinfassade und der Fayence-Innenräume, die auf Schritt und Tritt spürbar sind, ist jedoch sehenswert, insbesondere wegen der Nähe zur polnischen Grenze.
Quelle: EKastner.de
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