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Eine Stadtplanerin aus der Türkei, die in Warschau lebt. So sieht sie die Stadt

Warschau kann in zwei parallelen Bildern existieren: im Sommer, das von Grün geprägt ist, und im Winter, in dem sich architektonische Strukturen und städtebauliche Maßnahmen offenbaren. Çiğdem Cörek Öztaş – Stadtplanerin, Forscherin und Expertin für Stadtpolitik, die seit über zwei Jahren in der polnischen Hauptstadt lebt – hat uns ihre Beobachtungen zu Warschau zugesandt .

Sind Städte ausschließlich physische Strukturen, in denen verschiedene Funktionen aufeinandertreffen, oder sind sie vielleicht mentale Bilder, die durch Erfahrungen, Wahrnehmungen und Erinnerungen der Menschen geprägt sind und für jeden eine andere Bedeutung haben? Kevin Lynch analysiert diese Frage ausführlich in seinem Buch „The Image of the City“. Lynch erklärt den Begriff des Stadtbildes als die Art und Weise, wie Menschen den Raum wahrnehmen und sich ein mentales Bild davon machen. Seiner Ansicht nach werden Städte nicht zufällig wahrgenommen – die Betrachter erstellen mentale Karten und ein Stadtbild, indem sie diese anhand von Elementen wie Grenzen, Wegen, Stadtvierteln, Knotenpunkten und Orientierungspunkten interpretieren. Diese Begriffswelt bildet eine solide Grundlage für das Verständnis, wie ein Stadtbild entsteht. Wenn wir diese Perspektive jedoch etwas erweitern, können wir eine weitere Ebene erkennen, die die Gestaltung dieses Bildes beeinflusst: die städtischen Flächen.

Die Stadt lässt sich im grundlegendsten Sinne als ein System von Flächen verstehen. Diese Flächen markieren nicht nur physische Grenzen – sie bilden auch einen visuellen Hintergrund, der die Wahrnehmung lenkt. Beispielsweise beeinflusst die Frage, ob eine Straße mit Gras oder Stein bedeckt ist, ihre Lesbarkeit; der Charakter eines Stadtviertels kann sich durch die verwendeten Materialien offenbaren; ein Platz kann durch eine abweichende Gestaltung der Oberfläche hervorgehoben werden.

Aus diesem Grund spielen städtische Oberflächen eine wesentliche Rolle als ergänzende Ebene, die die fünf von Lynch definierten Hauptelemente unterstützt und das Stadtbild mitgestaltet.

Dieselbe Stadt, unterschiedliche Bilder

Kann also dieselbe Stadt im menschlichen Bewusstsein in mehr als einer Version existieren? Und welche Rolle spielen städtische Flächen bei der Gestaltung dieses Bildes? Für mich lautet die Antwort: Ja. Vor allem, wenn ich an Warschau denke, tauchen zwei unterschiedliche Bilder auf: das Warschau des Sommers und das Warschau des Winters. Das Sommerbild – wenn die Stadt grün wird und Bäume und Pflanzen den Raum einnehmen – unterscheidet sich völlig vom Winterbild, das mit dem Laubfall beginnt. Im Sommer wird die Stadt durch ein dichtes Grün geprägt, das fast alle Freiflächen bedeckt. Bäume mit großen Blättern verdecken die Flächen so stark, dass manchmal nicht nur die Fassaden, sondern ganze Gebäude kaum noch zu erkennen sind. Im Winter kehrt sich die Situation um. Die Bäume verlieren ihre Blätter, und andere städtische Elemente werden plötzlich sichtbar. Das Grün weicht Grau, Braun und gedeckteren Farbtönen; das Gefühl der Leere wird deutlicher.

Natürlich wäre eine Erklärung dieser Verwandlung ausschließlich anhand des Grünraumsystems unvollständig. Auch der städtebauliche Ansatz der Stadt und ihr architektonischer Charakter spielen eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung dieses Bildes. Insbesondere die symmetrische Anordnung, die breiten Alleen und die monumentale Architektursprache, die in der Zeit des Sozialistischen Realismus (1949–1956) entwickelt wurde, sorgen dafür, dass im Winter – wenn die Vegetation verschwindet – der Eindruck eines grauen Raums, der sich über die Stadt ausbreitet, noch deutlicher wird.

In diesem Moment kommt eine weitere Ebene der Oberfläche zum Vorschein, die die winterlichen Leerstellen füllt und der Stadt einen neuen Ausdruck verleiht: Wandmalereien, Murale und Graffiti.

Sgraffito an der Wand eines Gebäudes in der Madalińskiego-Straße 80, Foto: Çiğdem Cörek Öztaş

Farbe an den Wänden

Die heutigen Praktiken von Graffiti und Street Art in Warschau sind kein neues Phänomen – ihre Wurzeln reichen bis in die Geschichte der Stadt zurück. Das Symbol des „Ankers“, das während des Zweiten Weltkriegs zum Zeichen des Widerstands gegen die Besatzung wurde, lässt sich als frühe Form der Intervention im städtischen Raum deuten. Dieses Symbol, das sich rasch auf den Wänden der Stadt verbreitete, ist nicht nur ein Zeichen – es schafft eine gemeinsame Bedeutung, ein Zugehörigkeitsgefühl und ein Bild des Widerstands. Da es in verschiedenen Teilen der Stadt immer wieder auftaucht, geht es über eine individuelle Bewegung hinaus und wird Teil des kollektiven Gedächtnisses.

Ebenso prägt Sgraffito seit langem die Wände Warschaus. Es entwickelte sich in der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Krieg, als die Ästhetik der Fassaden neu definiert wurde. Diese Technik (bei der Putzschichten abgekratzt werden) war sowohl kostengünstig als auch langlebig und verbreitete sich daher in Wohn- und öffentlichen Gebäuden der 1950er- und 1960er-Jahre, wodurch sie der Stadt eine markante visuelle Note verlieh.

Siehe auch:

Zrobili to świetnie! Odnowione sgraffito na ścianie kamienicy w Warszawie

Nach dem Zusammenbruch der starren und einheitlichen Architektursprache der sozialistischen Ära tauchten in der Stadt vielfältigere und farbenfrohere Ausdrucksformen auf. Heute bringt Graffiti auf spontane Weise die unsichtbaren Stimmen der Stadt zum Vorschein, während strukturiertere Wandmalerei-Praktiken (von kleinen Interventionen bis hin zu großformatigen Wandkompositionen) die Oberflächen in starke visuelle Zeichen verwandeln, fast wie neue Orientierungspunkte. In den letzten Jahren haben Wandmalerei-Projekte, insbesondere an den noch verbliebenen grauen Gebäuden, in Warschau große Bedeutung erlangt und großes Interesse bei den Einwohnern geweckt. Diese Projekte bringen nicht nur Farbe in die Stadt, sondern verändern auch die Wahrnehmung des Raums, indem sie neue, klar definierte öffentliche Bereiche und einprägsame Stadtteile schaffen, wo zuvor Unbestimmtheit herrschte.

Foto: Piotr Kot

Diese Interventionen verändern nicht nur ein einzelnes Gebäude oder eine einzelne Straße – sie können die Wahrnehmung ganzer Stadtteile und Wohnsiedlungen wandeln. So hat beispielsweise Praga-Nord, das jahrelang als einer der am stärksten vernachlässigten Stadtteile galt, in jüngster Zeit dank der Aktivitäten von Künstlern eine neue Identität gewonnen. Die Wandmalereien verleihen dem Ort nicht nur eine ästhetische Note – sie erzählen Geschichten über die lokale Vergangenheit, den Alltag und das soziale Gefüge. Ebenso verwandeln grafische Interventionen und Wandmalereien entlang der Weichselboulevards die Uferpromenade von einer reinen Verkehrsachse in einen öffentlichen Raum, den man erlebt und in Erinnerung behält.

Foto: Çiğdem Cörek Öztaş

Eine Stadt, die neu geschrieben werden kann

Warschau erinnert uns daran: Eine Stadt ist keine feste Form, sondern eine Oberfläche, auf der sich die Sichtbarkeit ständig verändert. Auf dieser Oberfläche bleibt kein Element dauerhaft im Mittelpunkt – Natur, Architektur und Eingriffe lösen sich gegenseitig ab, sodass die Stadt zu verschiedenen Zeitpunkten auf unterschiedliche Weise gelesen werden kann. In diesem Sinne wird die Stadt weniger zu einem geplanten Ganzen als vielmehr zu einer Erfahrung, die sich ständig neu konstruiert, je nachdem, welche Ebene gerade sichtbar wird. Derselbe Raum kann unter einer grünen Hülle verschwinden oder durch Mauern neu definiert werden. Nicht die Stadt selbst verändert sich – es ist die Fläche, die in einem bestimmten Moment zum Ausdruck kommt.

Daher geht es nicht mehr um die Definition der Stadt an sich, sondern darum, was wir tatsächlich wahrnehmen, wenn wir versuchen, sie zu verstehen – die Architektur oder jene Oberflächenschicht, die gerade in den Vordergrund tritt.

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Çiğdem Cörek Öztaş – Stadtplanerin, Forscherin und Expertin für Stadtpolitik. Stadtplanerin mit einem Master-Abschluss in Sozialpolitik und einer Doktorarbeit zum Thema nachhaltige Stadtplanung. Viele Jahre lang arbeitete sie bei internationalen zivilgesellschaftlichen Organisationen und Entwicklungsinstitutionen in Istanbul und beschäftigte sich dort mit den Themen Stadtentwicklung und Sozialpolitik. Derzeit ist sie als unabhängige Forscherin tätig und konzentriert sich auf Städte, das städtische Leben und gesellschaftliche Veränderungen, die sie durch Forschung und Beobachtung analysiert. Außerdem unterstützt sie Institutionen und Organisationen bei der Erstellung von Policy Briefs und Strategiedokumenten zur nachhaltigen Stadtentwicklung.

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