Die neue Konditorei NAMELAKA in Kiew zeigt, wie weit Innenarchitektur gehen kann, wenn Farbe zum Material wird. NEMOV studio hat den Raum auf fünf Varianten von natürlichem rosa Marmor aufgebaut und so ein Interieur geschaffen, in dem die Farbgebung die gesamte Architektur bestimmt.
Die Architekten von NEMOV studio verzichteten auf klassische Moodboards und ersetzten diese durch eine Analyse der Marken-DNA. Wie die Mitbegründerin von NAMELAKA, Yelyzaveta Redkina, betont, liegt deren Kern in der „Märchen-Nostalgie für die Erwachsenenwelt“. Aus dieser Prämisse entstand eine 300 m² große Raumsequenz, in der Rosa zum strukturellen Fundament wird und fünf Sorten natürlichen rosa Marmors den Ton des gesamten Projekts bestimmen. Inspiration waren die „bereinigten Klassiker“ der Pariser Residenzen aus der Haussmann-Ära durch die klare Struktur der Arkaden und die konsequente Schichtung der Materialien.
Ein Salon, in dem das Dessert die Hauptrolle spielt
Bereits an der Tür empfängt die Gäste ein massiver Messinggriff mit einem eingravierten Kreissymbol. Dies ist das erste Zeichen dafür, dass hinter der Schwelle eine andere Ordnung beginnt. Das Durchschreiten des Eingangsportals wirkt wie eine Dekompressionszone – es schirmt vom städtischen Trubel ab und führt in eine Erzählung ein, in der die Rose zum Mittelpunkt der gesamten Komposition wird.
Der erste Saal ist eine zeitgenössische Interpretation der hohen Konditoreikultur des 19. Jahrhunderts. Die Desserts werden in Arkadennischen präsentiert wie die Hauptfiguren eines Theaterstücks. Darunter erstreckt sich präzise gegossenes rosa Terrazzo mit einem eingelassenen Messinglogo – ein Boden, der den Raum nicht nur ordnet, sondern ihm auch einen monumentalen Charakter verleiht.
Ukrainisches Handwerk
Im zweiten Raum bildet eine Bar aus einer von fünf Sorten natürlichen rosa Marmors das zentrale Element. Ihre Form erinnert an architektonische Pièces montées, also Konditoreikonstruktionen, die in der Geschichte die Rolle spektakulärer Skulpturen spielten. Daneben befindet sich eine Bibliothek – eine sorgfältig zusammengestellte Sammlung ukrainischer Märchen – sowie ein zartrosa Klavier, das den intellektuellen, fast salonartigen Charakter des Interieurs unterstreicht.

Finale: Details
Die letzte Szene ist der Fireplace Room, wo monumentale Gemälde von Natalia Brichuk den Raum für die Illusion unendlicher Tiefe öffnen. Es ist ein Ort, an dem französische Eleganz auf die ukrainische Gegenwart trifft und die Subtilität der Materialien sich mit ausdrucksstarker Kunst verbindet. Selbst die Badezimmer wurden als Höhepunkt des Erlebnisses gestaltet – verkleidet mit rosa, grünen und weinroten Gucci-Tapeten und mit ihren gewölbten Decken bilden sie einen Kokon – den einzigen Bereich, in dem sich die Architekten eine intensive, satte Farbgebung erlaubt haben.
NAMELAKA in seiner neuen Aufmachung ist ein Projekt, das nicht in Dekorativität flüchtet, sondern durch Material, Proportionen und Konsequenz eine eigene Raumlogik aufbaut. Rosa – in fünf Marmorvarianten verwendet – wird hier zur Sprache der Architektur. Es ist ein Lokal, das nicht nur Desserts serviert, sondern auch einen neuen Standard für das Verständnis des Konditoreierlebnisses in Kiew setzt.
Entwurf: NEMOV studio
Fotos: Sebastian Böttcher
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