Auf dem ersten Bahnsteig des Bahnhofs von Skierniewice steht ein Denkmal für Stanisław Wokulski. Genau an diesem Bahnhof unterbrach der Held aus „Die Puppe“ seine Reise, nachdem er die schmerzliche Wahrheit über Izabela Łęcka erfahren hatte. Die Skulptur erinnert an eine dramatische Episode aus dem Roman von Bolesław Prus und birgt zugleich ein kleines Geheimnis, das für Verliebte bestimmt ist.
Das Denkmal für Stanisław Wokulski am Ort des Abschieds
Den Standort der Skulptur hat Prus selbst vorgeschlagen. In seinem Roman „Die Puppe“ hört Wokulski während einer Zugfahrt ein vertrauliches Gespräch seiner Verlobten mit Kazimierz Starski. Beide sprechen Englisch, in der irrigen Annahme, der Kaufmann verstehe sie nicht. Enttäuscht steigt der Held unter dem Vorwand dringender Geschäfte in Skierniewice aus und geht dann entlang der Gleise in Richtung Warschau. Er unternimmt einen Selbstmordversuch, den der Bahnwärter Wysocki, dem er zuvor geholfen hatte, verhindert. Der Bahnsteig erinnert somit an den Ort der unterbrochenen Reise und des Abschieds von Izabela.

Das Denkmal wurde 2010 anlässlich eines Eisenbahnjubiläums errichtet
Die Skulptur des Posener Künstlers Robert Sobociński wurde am 9. Oktober 2010 enthüllt. Die Feierlichkeiten fanden im Rahmen der Feierlichkeiten zum 165. Jahrestag der Inbetriebnahme der Eisenbahnstrecke von Warschau nach Skierniewice statt, die der erste planmäßige Zug am 1. Oktober 1845 zurücklegte. Die Errichtung des Denkmals kostete 60.000 Złoty; die Hälfte davon wurde von der Stadt übernommen, den Rest finanzierten Sponsoren. Die Gäste reisten zur Enthüllung mit einem historischen Waggon aus der Sammlung des Polnischen Eisenbahnliebhaber-Vereins an. Schüler des örtlichen Bolesław-Prus-Gymnasiums führten einen Ausschnitt aus „Die Puppe“ auf, und Teilnehmer in historischen Kostümen ließen die Atmosphäre vergangener Reisen wiederaufleben.
Wokulski mit Tasche und Spazierstock
Der aus Bronze gegossene, etwa 200 Kilogramm schwere Wokulski sieht aus wie ein eleganter Reisender aus dem 19. Jahrhundert. Er trägt einen Zylinder, einen langen Mantel, ein Jackett, eine Weste und ein Hemd mit hohem Kragen. In der rechten Hand hält er eine Reisetasche, in der linken einen Spazierstock. Die nachdenkliche Figur steht inmitten der heutigen Fahrgäste vor dem Hintergrund des historischen Bahnhofs. Ihre ruhige Haltung lädt dazu ein, die Gefühle des Helden unmittelbar nach dem Verlassen des Waggons zu ergründen. In Stanisławs Kleidung befindet sich ein kleiner Spalt für Liebesbriefe. Der literarische Kaufmann, der selbst schmerzhafte Erfahrungen mit der Liebe gemacht hat, wurde auf diese Weise zum Vertrauten der Gefühle anderer.

„Lalka“ und ihre berühmten Verfilmungen
„Lalka“, die zwischen 1887 und 1889 in Fortsetzungen erschien und 1890 als Buch veröffentlicht wurde, nimmt einen besonderen Platz in der polnischen Kultur ein. Prus beschrieb darin emotionale Enttäuschungen, soziale Ungleichheiten, Ambitionen und die Macht des Geldes. Die Bekanntheit der Figuren wurde durch klassische Verfilmungen gefestigt. In dem Film von Wojciech Jerzy Has aus dem Jahr 1968 spielte Mariusz Dmochowski die Rolle des Wokulski und Beata Tyszkiewicz die der Izabela. In der 1977 produzierten und ab dem 17. September 1978 ausgestrahlten Fernsehserie von Ryszard Ber spielten Jerzy Kamas und Małgorzata Braunek die Hauptrollen. Zu den jüngsten Adaptionen gehören der Film von Maciej Kawalski mit Marcin Dorociński und Kamila Urzędowska sowie die Netflix-Serie unter der Regie von Paweł Maślona mit Tomasz Schuchardt und Sandra Drzymalska. Die immer neuen Interpretationen bestätigen das ungebrochene Interesse am Schicksal der Figuren von Prus.
Das Denkmal für Stanisław Wokulski und der Stadtpatron
Dank des Romans hat sich Skierniewice in das Gedächtnis weiterer Lesergenerationen eingeprägt. Wokulski ist hier auch der Schutzpatron der Unternehmer: Seit 2010 wird die Auszeichnung „Wokulski des Jahres“ verliehen, deren Statuette der Skulptur am Bahnhof nachempfunden ist. Auf diese Weise erinnert die Stadt an die wirtschaftliche Initiative des Helden und seine soziale Sensibilität. Prus’ Kaufmann ist also in Skierniewice als unglücklicher Liebhaber, Reisender und Arbeiter mit einem goldenen Herzen präsent, der das Elend anderer erkennen konnte.
Quelle: robertsobocinski.com, muzea.waw.pl, psmk.org.pl
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