Kann die Zukunft des Designs in einer Handwerkswerkstatt ihren Anfang nehmen? In einem lokalen Rohstoff, einer vergessenen Technik oder der Geschichte eines bestimmten Ortes? Die Sonderausgabe des internationalen Wettbewerbs „make me!“ mit dem Titel „Das Erbe der Zukunft“ wirft genau diese Fragen auf. Im Rahmen der diesjährigen Ausgabe des Polnischen Designforums: „Lokalität“ wird Łódź zum Ort des Austauschs darüber, wie man aus dem lokalen Erbe keine Museumsstücke, sondern zeitgenössische Produkte, Ideen und Lösungen schaffen kann. Partner der Veranstaltung ist das Marschallamt der Woiwodschaft Łódź.
Erbe muss nicht der Vergangenheit angehören
Im Design kehren wir immer häufiger zu dem zurück, was jahrelang als zu lokal, zu arbeitsintensiv oder einfach als nicht zeitgemäß galt. Handwerk, natürliche Materialien, traditionelle Techniken, handwerkliche Fertigung und das von Generation zu Generation weitergegebene Wissen sind nicht mehr nur Elemente der kulturellen Identität. Sie werden zu einer Inspirationsquelle für ein Design, das den heutigen Bedürfnissen gerecht wird.
Genau diesen Aspekt der Lokalität greift die Sonderausgabe des Wettbewerbs„make me! „Erbe der Zukunft“, die im Rahmen des Polnischen Designforums „Lokalität“ organisiert wird. Der Wettbewerb, der seit 2008 eines der Schlüsselelemente des Łódź Design Festivals ist, sucht traditionell nach neuen Ideen und Projekten, die die Entwicklungsrichtungen des Designs vorgeben. Diesmal verlagert sich der Schwerpunkt in Richtung Handwerk und Kulturerbe – allerdings nicht im Sinne einer abgeschlossenen Sammlung alter Formen, sondern als Kompetenzen, Materialien und Wissen, die heute und in Zukunft kreativ genutzt werden können.
Handwerk als Technologie
Aus dieser Perspektive erhält das Handwerk eine völlig neue Bedeutung. Es ist nicht nur eine Methode zur Herstellung von Gegenständen oder eine dekorative Ergänzung zum zeitgenössischen Design. Es ist das Wissen über Material, Konstruktion, Haltbarkeit, Proportionen und den Herstellungsprozess – entwickelt über Jahrzehnte hinweg in Werkstätten und Ateliers.
Genau deshalb geht es beim make me!-Wettbewerb „Erbe der Zukunft“ nicht so sehr darum, wie man Tradition bewahrt, sondern vielmehr darum, was man dank ihr gestalten kann.
Als Ausgangspunkt für die am Wettbewerb teilnehmenden Gestalter können lokale Materialien, traditionelle Techniken, Muster, Produkte oder Geschichten dienen, die mit bestimmten Orten verbunden sind. Diese können direkt verwendet werden, aber ebenso gut als Impuls für eine völlig neue Interpretation dienen.
Dieser Ansatz fügt sich gut in einen umfassenderen Wandel ein, der sich heute im Design vollzieht. In einer Welt der Massenproduktion und der nahezu unbegrenzten Verfügbarkeit ähnlicher Produkte gewinnen Herkunft, Authentizität, Langlebigkeit und die Geschichte hinter einem Objekt zunehmend an Wert. Lokalität kann daher keine Einschränkung, sondern ein Vorteil sein – eine Quelle von Eigenschaften, die sich nicht leicht kopieren lassen.

Der Wettbewerb steht allen offen
Eine der wichtigsten Änderungen bei der diesjährigen Ausgabe von make me! ist die Aufhebung des Alterskriteriums. Der Wettbewerb ist nun nicht mehr in erster Linie ein Forum für junge Designer. Zur Teilnahme eingeladen sind alle volljährigen Kreativen – unabhängig von Alter und Berufserfahrung.
Ihre Entwürfe können Designer und Designerinnen, Handwerker und Handwerkerinnen, Volkskünstler, Studierende, Absolventen, informelle Gruppen, Designstudios sowie Unternehmen aus der Designbranche einreichen. Die Einreichungen können einzeln oder als Team erfolgen. Der Wettbewerb ist international ausgerichtet, die Teilnahme ist kostenlos. Das Anmeldeformular ist auf der Website des Łódź Design Festivals verfügbar.
Diese Erweiterung des Konzepts ist von großer Bedeutung. Die Begegnung zwischen einem Designer und einem Handwerker kann heute weit mehr bedeuten als die Zusammenarbeit an einem einzelnen Produkt. Sie kann zum Austausch von Kompetenzen, zum Experimentieren mit Materialien, zur Entdeckung vergessener Techniken und zur Entwicklung von Lösungen führen, die keine der beiden Seiten allein erarbeitet hätte.
Vom lokalen Rohstoff zum neuen Produkt
Der Wettbewerb lässt den Teilnehmern viel Spielraum. Eingereicht werden können sowohl fertige Produkte und Modelle als auch Konzepte, Visualisierungen oder 3D-Entwürfe. Die für das Finale qualifizierten Projekte müssen jedoch in Form eines Prototyps oder eines fertigen Produkts in einem geeigneten Maßstab präsentiert werden, der es ermöglicht, ihre Funktionen zu demonstrieren.
Das ist ein wichtiger Bestandteil der Philosophie von „make me!“ Es geht nicht nur um ein spektakuläres Konzept. Was zählt, ist die Möglichkeit, die Idee in der Praxis zu überprüfen – ihre Funktion, das Material, den Herstellungsprozess und möglicherweise auch die Umsetzung.
Die Jury bewertet unter anderem die Originalität der Lösung, die angemessene Umsetzung der Vorgaben, die ästhetischen Qualitäten, den Bezug zur Lokalität und zu traditionellen Techniken sowie das Potenzial hinsichtlich Umsetzung, Vermarktung, Kommunikation oder Experimentierfreudigkeit. Aus den Einsendungen werden 20 bis 40 Projekte ausgewählt, die in die Ausstellung nach dem Wettbewerb, auf die Website des Łódź Design Festivals sowie in die Medienkommunikation aufgenommen werden. Der Autor oder die Autorin des Gewinnerprojekts erhält den Hauptpreis in Höhe von 15.000 PLN brutto.

Die Woiwodschaft Łódź als Gestaltungsmaterial
Im Rahmen des Wettbewerbs wurde zudem eine zusätzliche, freiwillige Kategorie „Objekt zur Förderung der Woiwodschaft Łódź“ geschaffen. Dies ist ein interessantes Experiment an der Schnittstelle zwischen Design, Ortsidentität und zeitgenössischer Regionalförderung.
Die Aufgabe besteht darin, ein funktionales, umsetzbares Objekt zu entwerfen, das durch seine Form, sein Material, seine Funktion oder ein Detail etwas über die Woiwodschaft Łódź erzählt. Als Inspiration können unter anderem die Industrie- und Textilgeschichte von Łódź, das lokale Handwerk, die Avantgarde, die Natur, die Flüsse, die Keramik aus Bolimów oder traditionelle Volksmuster dienen.
Wichtig ist jedoch, was die Veranstalter nicht erwarten: eine einfache Aneinanderreihung regionaler Symbole. Ein Wappen, eine Karte oder ein Logo reichen nicht aus. Es geht darum,eine neue Sprachezu finden,um über die Region zu erzählen– eine Sprache, die für das heutige Publikum attraktiv ist und gleichzeitig im tatsächlichen Erbe des Ortes verwurzelt ist.
In dieser Kategorie kommt zudem eine ganz konkrete Umsetzungsebene zum Tragen. Das Siegerprojekt kann von der Woiwodschaft Łódź für die Produktion vorbereitet werden.
Wolle als Test für Regionalität
Eines der eindrucksvollsten Beispiele für das Potenzial lokaler Ressourcen wird die in Łódź präsentierte Ausstellung„Wolle“ sein, die im historischen Kraftwerk von Karol Scheibler im Fuzja-Komplex stattfindet.
Dieser Ort ist nicht nur als eindrucksvoller Ausstellungsraum von Bedeutung. Das ehemalige Kraftwerk befindet sich in einem Komplex, dessen Geschichte untrennbar mit der Textilindustrie von Łódź verbunden ist. Gerade hier erhält die Geschichte des lokalen Materials und seiner Zukunft einen zusätzlichen Kontext.
Die Ausstellung zeigt den Weg der heimischen Wolle von der Aufzucht und Schur über traditionelle Verarbeitungstechniken bis hin zu zeitgenössischen Design-Experimenten. Neben Kelims und Stoffen sind unter anderem Akustikpaneele, Produkte, die die isolierenden Eigenschaften des Materials nutzen, Lösungen für den Bau und den Gartenbau sowie die Verwendung von Schafwolle als Dünger zu sehen.
Wolle ist dabei ein hervorragendes Beispiel für ein Problem, das zum gestalterischen Impuls werden kann. Ein natürlicher Rohstoff, dessen Potenzial jahrelang unterschätzt wurde, kann gerade durch die Verbindung von traditionellem Wissen und zeitgenössischem Design neue Anwendungsmöglichkeiten finden.

Die Kraft des Erbes
Der dritte Programmpunkt des Polnischen Designforums ist die kostenlose Konferenz„Die Kraft des Kulturerbes“, die sich mit der Rolle der lokalen Kultur und des Handwerks im zeitgenössischen Design befasst.
Dass sie neben dem Wettbewerb und der Ausstellung stattfindet, ist kein Zufall. Wenn „Lokalität“ mehr sein soll als nur ein attraktives Schlagwort, braucht sie ein breiteres Ökosystem: Designer, Handwerker, Hersteller, Unternehmer, Kommunalverwaltungen und Kulturinstitutionen. Außerdem muss darüber diskutiert werden, wie Wissen und Tradition in Produkte, Dienstleistungen und Orte umgesetzt werden können, die für das heutige Publikum von Bedeutung sind.
In diesem Sinne bilden die drei Elemente des Forums eine schlüssige Struktur.„Wolle“ zeigt das Material. „Die Kraft des Erbes“ eröffnet die Diskussion über dessen Bedeutung. Der Wettbewerb „make me!“ untersucht, was aus dem lokalen Potenzial für die Zukunft gestaltet werden kann.
Lokalität als neue Form der Innovation
Polnisches Designforum: „Lokalität“ schlägt weder einen einheitlichen Stil noch einen Katalog regionaler Motive vor. Vielmehr zeigt es eine Denkweise im Design, bei der der Ort zum Ausgangspunkt wird.
In Zeiten globaler Produktion können lokale Materialien eine Antwort auf das Bedürfnis nach mehr Transparenz in der Lieferkette sein. Das Handwerk kann Wissen über Nachhaltigkeit und Reparaturfähigkeit vermitteln. Traditionelle Techniken können neue Technologien inspirieren. Die Geschichte eines Ortes kann zum Ausgangsmaterial für eine zeitgenössische Marke werden. Und Design kann all dies zu einem Produkt vereinen, das keine Rekonstruktion der Vergangenheit ist, sondern eine neue Version davon.
Genau deshalb ist das Motto„Erbe der Zukunft“mehr als nur der Name eines Wettbewerbs. Es suggeriert einen Perspektivwechsel: Anstatt zu fragen, was aus der Vergangenheit unverändert erhalten bleiben soll, kann man fragen,was davon es wert ist, mit in die Zukunft genommen zu werden.
- Der make me!-Wettbewerb „Erbe der Zukunft“ – eine Sonderausgabe im Rahmen des Polnischen Designforums „Lokalität“. Die Einreichungsfrist läuft bis zum 23. September 2026, 23:59 Uhr. Die Teilnahme ist kostenlos. Die Ausstellung der Finalisten findet im Rahmen einer Sonderausgabe des Łódź Design Festivals vom 5. bis 11. Oktober 2026 statt, und ein Teil der Projekte wird anschließend während der Barcelona Design Week vom 22. bis 24. Oktober 2026 präsentiert.
- Das Polnische Designforum 2026 „Lokalność“ findet vom 8. bis 11. Oktober in Łódź statt.
- Die Ausstellung „Wolle“ wird vom 5. bis 18. Oktober in der Fuzja in Łódź (Milionowa 6a, Eingang zum Komplex auch von der Straße Tymenieckiego) zu sehen sein.
- Die Konferenz „Die Kraft des Kulturerbes“ findet am 9. Oktober um 10:00 Uhr im Łódź Art Center (Tymienieckiego-Straße 3) statt.
Weitere Informationen finden Sie auf der Website und in den sozialen Medien des Łódź Design Festivals:
https://lodzdesign.com/make-me-2026-dziedzictwo-przyszlosci
https://lodzdesign.com/polskie-forum-designu-lokalnosc
https://www.facebook.com/Lodz.Design
https://www.instagram.com/lodzdesign
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