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Man will das größte Werk des „Vaters der Wolkenkratzer“ in Chicago abreißen

Die Eigentümer des Gebäudes, in dem sich einer der prächtigsten Säle von Louis Sullivans Entwurf befindet, sprechen immer offener von einer Erweiterung auf Kosten des wie durch ein Wunder geretteten Denkmals. Im Jahr 1972 genehmigten die Behörden von Chicago den Abriss eines der ersten und schönsten Wolkenkratzer der Stadt – der ehemaligen Chicago Stock Exchange. Proteste und Aktionen von Architekturliebhabern nützten wenig, und an der Stelle des Gebäudes entstand ein durchschnittlicher Wolkenkratzer im internationalen Stil. Den Architekturliebhabern gelang es jedoch, den ursprünglichen Handelssaal und den verzierten Eingangsbogen zu retten. Das Problem ist, dass dem Saal im Jahr 2026 erneut der Abriss droht.

Der Vater der Wolkenkratzer

Die 1893 erbaute Chicagoer Börse war ein Symbol für die damalige Macht der zweitgrößten Stadt der USA. Genau in dieser Stadt entstand der erste Wolkenkratzer der Welt, und ein Schüler des Schöpfers dieses bahnbrechenden Gebäudes war eben Louis Sullivan. Die Entwürfe des Schülers übertrafen den Meister bei weitem, und so gilt Sullivan als Vater des modernen Wolkenkratzers. Der Architekt setzte auf ein innovatives Stahlskelett, Aufzüge und eine unglaublich kunstvolle Terrakotta-Fassade. Interessanterweise kann man HIER und HIER mehr über andere herausragende Werke des Architekten lesen.

Das Gebäude der Chicago Stock Exchange ragte etwa 52 m in die Höhe, und seine 13 Stockwerke hinterließen bei den Einwohnern einen tiefen Eindruck. Da Sullivan an seine Worte glaubte: „Form folgt Funktion“, nutzte das Gebäude viele moderne, funktionale Lösungen. Vor allem die unglaublich reich verzierte Fassade wurde mit Terrakotta-Platten verkleidet, die massenhaft aus Gussformen hergestellt werden konnten. Natürlich entwarf Sullivan selbst die organischen Muster, die sich auf den Platten schlängelten. Doch trotz der dichten Verzierungen im unteren Teil der Fassade zeichneten sich die oberen Stockwerke durch ein schlichtes, zweckmäßiges Design aus. Zum Vergleich: Auf einen derart innovativen Ansatz musste man in Europa bis zum ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts warten.

Das ursprüngliche Chicago Stock Exchange Building, Foto: Public Domain

Opus magnum

Das größte Juwel des Entwurfs ist der 30 × 22 m große Handelssaal. Seine Decke reicht bis zu 9 m hoch, und Sullivans spektakuläre Verzierungen sowie über 50 verschiedene organische Farbtöne bilden ein fantasievolles Ganzes. Beeindruckend sind die großen Kassetten mit floralen Mustern, die fast jeden Zentimeter der Decke bedecken. Ein weiteres interessantes Element sind die mit Messingverkleidungen bedeckten Säulenkapitelle.

Rund um die Kassetten wurden farbige Oberlichter eingebaut, die das Licht sanft streuen. Erwähnenswert ist, dass ein charakteristisches Element jedes Entwurfs von Sullivan die feinen Verzierungen an jedem nur denkbaren Detail waren. Aus diesem Grund zeichnete der Architekt selbst die Muster, die später in Messing-Türklinken, Knöpfen oder Geländern eingeprägt wurden.

Bereits 1908 zogen Bankangestellte in den Saal ein, die das Gebäude gekauft hatten, und die nachfolgenden Mieter schenkten dem historischen Wert dieses Interieurs keine große Beachtung. Schlimmer noch: In den 1960er und 1970er Jahren erfassten modernistische Pläne zur Stadterneuerung (engl. urban renewal) Amerika. Die Bebauung vieler ikonischer Städte der USA musste großen Autobahnen und neuen, höheren Gebäuden weichen. In Chicago wiederum wollten Stadtplaner die wegweisenden Wolkenkratzer aus dem späten 19. Jahrhundert abreißen und deutlich höhere Bauwerke errichten.

Handelshalle, Foto: Public Domain

Kampf um die Vergangenheit

Das Chicago Stock Exchange Building fiel diesen Plänen zum Opfer. Trotz zahlreicher Proteste von Anwohnern und Stadtarchitekten wurde das Gebäude abgerissen, und an seiner Stelle entstand ein schlichter, 169 Meter hoher Wolkenkratzer im internationalen Stil. Doch der Stadtarchitekt John Vinci und der Fotograf Richard Nickel nahmen die Sache selbst in die Hand und begannen, zu retten, was von der abgerissenen Ikone Chicagos noch zu retten war.

Teile der Aufzüge, Geländer und Taster blieben dank ihres Engagements erhalten und sind heute in Museen auf der ganzen Welt zu sehen. Der größte gerettete Schatz ist jedoch der Handelssaal, der in das nahegelegene Art Institute of Chicago verlegt wurde. Leider kam R. Nickel während dieses Kampfes um das architektonische Erbe ums Leben, als er von einem Teil des abgerissenen Gebäudes erschlagen wurde. Interessanterweise weigerten sich lokale Architekten, mit dem Bauträger zusammenzuarbeiten, der einen neuen Wolkenkratzer errichten wollte, weshalb der Eigentümer Architekten aus Texas um Hilfe bat.

Foto: Tony Hisgett, Wikimedia, CC 4.0

Ein „unbequemer“ Schatz

Leider berichtete die lokale Presse im März 2026, dass die glücklicherweise gerettete und restaurierte Handelshalle erneut vom Abriss bedroht ist. Vor zwei Jahren erhielt das Art Institute of Chicago beträchtliche Fördermittel für die Erweiterung seiner Ausstellungsräume, und die historische Halle steht ihnen dabei im Weg. Obwohl die Abrisspläne noch nicht sicher sind, hat die lokale Organisation zum Schutz städtischer Denkmäler – Preservation Chicago – begonnen, die Angelegenheit öffentlich zu machen. Die Organisation schlug auch einen alternativen Erweiterungsplan vor, der die historische Halle nicht gefährden würde.

Derzeit steht der ikonische Raum des „Vaters der Wolkenkratzer“ auf der Liste der am stärksten vom Abriss bedrohten Denkmäler Chicagos. Preservation Chicago hat sogar eine Petition organisiert, um den Abriss zu verhindern. Erwähnenswert ist zudem, dass der Wolkenkratzer 30 North LaSalle, der die Börse ersetzt hat, selbst abgerissen werden könnte, was der 89-jährige Architekt John Vinci ironisch kommentierte.

Den Link zur Petition finden Sie HIER.

Quelle: WTTW

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