Vor Beginn der Arbeiten an einer dauerhaften Gedenkstätte für die archäologische Fundstätte „Miła 18“ stehen die Experten vor einer sehr wichtigen Frage: Wie lassen sich die entdeckten Schutzräume und Überreste der Bebauung des Warschauer Ghettos der Öffentlichkeit zugänglich machen, ohne ihre Authentizität zu beeinträchtigen und unter Gewährleistung eines angemessenen Schutzes? Das Museum des Warschauer Ghettos führt seit 2022 Untersuchungen durch und erarbeitet gleichzeitig ein Ausstellungskonzept für diesen einzigartigen Ort.
„Miła 18“ bringt weitere Spuren des Ghettos ans Licht
Die archäologische Fundstätte „Miła 18“, die sich im Warschauer Stadtteil Muranów an der Kreuzung der Straßen Miła und Dubois befindet, grenzt an den Anielewicz-Hügel und ist derzeit Schauplatz der wichtigsten Forschungen zur Geschichte des Warschauer Ghettos und des Aufstands von 1943. Während der deutschen Besatzung befand sich dort ein Mietshaus mit einem ausgedehnten System aus Kellern, Schutzräumen und Bunkern, die von Mitgliedern der Jüdischen Kampforganisation als Verstecke und Stützpunkte für ihre Untergrundaktivitäten genutzt wurden. Nach dem Scheitern des Ghettoaufstands wurde die Bebauung des Viertels fast vollständig dem Erdboden gleichgemacht, und das Gelände wurde mit Trümmern aufgefüllt. Aus eben diesen Überresten des ehemaligen Muranów wurde später der Anielewicz-Hügel aufgeschüttet, zum Gedenken an den Anführer des Aufstands. Viele Jahre lang diente dieser Ort vor allem als Gedenkstätte, während sein archäologisches Potenzial ungenutzt blieb.

3.000 Denkmäler aus der Erde geborgen
Systematische Untersuchungen der Umgebung des Hügels begannen erst im 21. Jahrhundert. Zunächst wurden nicht-invasive geophysikalische Analysen durchgeführt, die es ermöglichten, unter der Erdoberfläche verborgene Objekte zu lokalisieren. Im Jahr 2022 begann das Museum des Warschauer Ghettos dann mit umfangreichen Ausgrabungen unter der Leitung des Archäologen Dr. Jacek Konik. Die Arbeiten ermöglichten die Freilegung von Kellern aus dem 19. Jahrhundert sowie von Teilen der unterirdischen Infrastruktur des ehemaligen Stadtviertels. Die Archäologen haben zudem über 3.000 Artefakte geborgen, die das Alltagsleben der Ghettobewohner dokumentieren. Zu den Funden zählen Küchenutensilien, Kleidungs- und Schuhteile sowie Gegenstände im Zusammenhang mit religiösen Praktiken, darunter Tefillin und Teile von Kerzenleuchtern. Als besonders wertvoll erwiesen sich Dokumente und Bücher, dank derer die Forscher das soziale, spirituelle und intellektuelle Leben der abgeschotteten jüdischen Gemeinschaft besser verstehen können.
Miła 18 und der Anielewicz-Bunker
Miła 18 ist eine Adresse, die mit der letzten Phase des Aufstands im Warschauer Ghetto in Verbindung steht. Am 8. Mai 1943 entdeckten die Deutschen den Unterschlupf, in dem sich das Hauptquartier der Jüdischen Kampforganisation mit Mordechaj Anielewicz, dem bereits erwähnten Anführer des Aufstands, befand. Die genauen Umstände seines Todes sind bis heute unbekannt. Ein Teil der Untergetauchten kam ums Leben, als Gas in den Bunker geleitet wurde, andere begingen Selbstmord, und nur wenigen gelang die Flucht. Bei den vom 6. Juni bis zum 19. August 2022 durchgeführten Ausgrabungen wurden gut erhaltene Kellerräume von Mietshäusern aus dem 19. Jahrhundert an den ehemaligen Adressen Miła 18 und 20 freigelegt. Im Nachbargebäude entdeckten die Archäologen einen betonierten Raum und ein System unterirdischer Gänge, die in Richtung des Anielewicz-Hügels führten. Die Forscher vermuten, dass es sich dabei um Teile des Anielewicz-Bunkers handeln könnte, allerdings wurden bei den Arbeiten keine Überreste der Opfer gefunden.
Wie sollen die entdeckten Schutzräume präsentiert werden?
Die größte Herausforderung besteht heute darin, die freigelegten Relikte des Ghettos der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Denkmalschützer und Fachleute müssen den Schutz der historischen Stätten mit der Möglichkeit einer sicheren Besichtigung und einer anschaulichen Darstellung der Geschichte dieses Ortes in Einklang bringen. Es werden mehrere Varianten in Betracht gezogen, doch die aus Sicht der Archäologen wünschenswerteste und geeignetste sieht den Bau einer vollständigen Überdachung vor, die die freigelegten Keller vor den negativen Auswirkungen der Witterung schützt.

Experten werden ein Konzept zur Gedenkstätte erarbeiten
Die enorme Bedeutung der Funde in der Miła 18 sowie die Überlegungen zur bestmöglichen Form ihres Schutzes veranlassten die Direktorin des Warschauer Ghetto-Museums, Dr. hab. Katarzyna Person, ein interdisziplinäres Expertenteam für die Umsetzung einer dauerhaften Gedenkstätte an der Miła 18 ins Leben rief. Zu dessen Mitgliedern gehörten Dr. Eleonora Bergman, Piotr Bujnowski, Dr. Maria Ferenc, Prof. Zbigniew Kobyliński, Michał Krasucki, Dr. Piotr Rypson, Remigiusz Sosnowski, Jolanta Winiarska, Magdalena Kruszewska-Polak sowie Franciszek Bojańczyk. Die Gruppe erarbeitet die Grundzüge der künftigen Gedenkstätte unter Berücksichtigung der historischen, archäologischen und symbolischen Werte dieses Ortes. Die Ergebnisse der Arbeit wurden am 24. Juni bei einem Treffen des Expertenteams mit den Medien und den Einwohnern Warschaus vorgestellt.
Miła 18 und weitere Maßnahmen
Im Sommer 2026 werden lokale Analysen zur künftigen Gestaltung des Geländes beginnen, deren Ergebnisse im Herbst vorgestellt werden sollen. Zum Jahreswechsel 2026/2027 wird eine Studie zur Vorbereitung der weiteren Maßnahmen erstellt. Im Jahr 2027 beginnen die Arbeiten an einem Architekturwettbewerb sowie einer internationalen Spendenkampagne, und im Herbst desselben Jahres wird der Hauptsitz des Museums des Warschauer Ghettos eröffnet, in dem ein Teil der bei den Ausgrabungen gefundenen historischen Fundstücke untergebracht wird. In den Jahren 2028 und 2029 wird ein internationaler Wettbewerb organisiert und mit dem Bau einer dauerhaften Gedenkstätte an der Fundstelle „Miła 18“ begonnen.

Derzeit finden an der Miła 18 weitere archäologische Untersuchungen statt, deren Ergebnisse der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Besucher können die Freiluftausstellung „Miła – Der aktuelle Stand“ besichtigen, den in der App „Bloomberg Connects“ verfügbaren Audioguide nutzen und die Geschichte von über 3.000 bei den Ausgrabungen entdeckten Artefakten kennenlernen. Die Originalfundstücke sollen im Hauptsitz des Warschauer Ghetto-Museums ausgestellt werden, dessen Eröffnung für Herbst 2027 geplant ist. Die archäologische Fundstätte selbst ist von Juni bis Oktober, dienstags bis sonntags von 12:00 bis 17:00 Uhr zugänglich; der Eintritt ist frei.
Quelle: Museum des Warschauer Ghettos – https://1943.pl/
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