Modernistische Seele und zeitgenössischer Eklektizismus. Eine Familienwohnung in Łódź

In einem modernistischen Mietshaus aus den späten 1930er Jahren im Zentrum von Łódź trifft Geschichte auf zeitgenössisches Design. Auf 94 m² hat die Innenarchitektin Joanna Fabjańska, Inhaberin des Architekturbüros LUVA architecture, eine Wohnung für ihre Familie gestaltet. Es ist ein Interieur, in dem die modernistische Architektur des Gebäudes nicht als Einschränkung, sondern als Ausgangspunkt für die Schaffung eines sehr persönlichen Raums betrachtet wurde.

Die Inspirationen sind hier deutlich erkennbar, dominieren jedoch nicht den Alltag. Dänischer Minimalismus trifft auf kräftige Farben, Klassiker des internationalen Designs, polnische Kunst und Details, die an die Geschichte des Mietshauses anknüpfen. Das Gesamtbild ist zugleich geordnet und voller Überraschungen.

Das Bewahren, was schon da war

Das Projekt begann mit der Entscheidung, so viele Originalelemente der Wohnung wie möglich zu erhalten. Die Türen, der Parkettboden und die gusseisernen Heizkörper wurden restauriert. Ebenfalls erhalten blieben die charakteristischen, halbrunden Wände, die zu einem der wichtigsten wiederkehrenden Motive im gesamten Innenraum wurden.

Neue Elemente wurden mit großer Sorgfalt eingebracht. Weiße Holzfenster ersetzten die früheren, wobei jedoch der Charakter des Gebäudes gewahrt und die denkmalpflegerischen Vorgaben beachtet wurden. Dadurch konkurriert die zeitgenössische Gestaltung nicht mit der Architektur des Mietshauses, sondern lässt diese zur Geltung kommen.

Gleichzeitig ist das Projekt kein Versuch, das Interieur von vor einigen Jahrzehnten wiederherzustellen. Es handelt sich vielmehr um eine zeitgenössische Interpretation des Modernismus, in der die Vergangenheit ein Element einer größeren, familiären Geschichte darstellt.

Die Küche wie eine Filmkulisse

Eine der wichtigsten funktionalen Veränderungen war die Verlegung der Küche ins Wohnzimmer. Dadurch konnte ein zusätzlicher Raum gewonnen und gleichzeitig ein interessanter Bereich zwischen Küche und Wohnbereich geschaffen werden.

Die Küche ist vom Wohnzimmer durch eine leichte, weiße Verglasung mit halbrunder Scheibe getrennt. Ihre Form weckt Assoziationen zur modernistischen Architektur, aber auch zu den charakteristischen Bildausschnitten aus den Gemälden von Edward Hopper. Die Verglasung ist auf beiden Seiten mit zu öffnenden Fenstern ausgestattet, sodass sich die Küche bei Treffen mit Freunden oder beim gemeinsamen Kochen vollständig zum Wohnzimmer hin öffnen lässt.

Hinter der Verglasung kommt Farbe zum Vorschein. Von außen wurde die Küche mit Blau akzentuiert, während im Innenraum weiße Mosaik-Arbeitsplatten mit burgunderroten Fugen sowie furnierte Möbelfronten zu finden sind. Ihre charakteristischen Ovale greifen die Formensprache der Wohnungarchitektur auf.

Farbe als architektonisches Element

Das mit dem Esszimmer verbundene Wohnzimmer dient nicht nur als repräsentativer Teil der Wohnung, sondern vor allem als Ort des täglichen Lebens. Hier finden sich Designklassiker, Kunst und kräftige Farbakzente, die die Schlichtheit der modernistischen Grundstruktur auflockern.

Eines der markantesten Elemente ist der Sessel TOGO von Ligne Roset, der von einer Wandleuchte Tolomeo von Artemide und einer Kommode für DJ-Ausrüstung der Marke Tylko flankiert wird. Über dem Ganzen erstreckt sich ein khakifarbener Anstrich an der Decke, und die punktförmigen Messingleuchten wurden unregelmäßig angeordnet, wodurch eine fast grafische Komposition entsteht.

Der Innenraum kommt dabei ganz ohne Vorhänge aus. Diese Lösung entspricht Joanna Fabjańskas Vorliebe für dänische Schlichtheit, hat aber auch einen praktischen Aspekt – sie ermöglicht es, die Wohnung maximal zum umgebenden Garten hin zu öffnen.

Vom Wohnzimmer aus gelangt man auf einen mit Weinreben bewachsenen Balkon. Die Pflanze erinnert noch an die Zeit, als das Mietshaus entstand, und ist damit eines der außergewöhnlichsten, lebendigen Zeugnisse der Geschichte dieses Ortes.

Kobaltblau, Lila und modernistische Ovale

Im Esszimmer zieht ein intensiv kobaltblaues, mit Harz beschichtetes Bücherregal die Blicke auf sich. Über dem Tisch hängt eine lila Lampe der polnischen Marke Lexavala. Kräftige Farben sind hier kein bloßer Zusatz, sondern eines der grundlegenden Mittel zur Schaffung der Atmosphäre.

Eine ähnliche Rolle spielen die Formen. Zweiflügelige, furnierte Schiebetüren mit ovaler Verglasung führen ins Schlafzimmer. Dort wird ein modernistisches Bett mit einem silbernen, theatralischen Vorhang kombiniert, der den Kleiderschrank verbirgt. An der Wand hängt ein großes Gemälde von Wojciech Kołacz (Otecki), dessen Werke auch im Wohnzimmer zu sehen sind.

Die Tür zum Schlafzimmer ist von einem schwarz-weißen Schachbrettmuster umgeben – ein Motiv, das sich auch auf dem Balkon wiederholt. Daneben stehen khakifarbene Nachttische von Kartell sowie eine Vorhangstange mit Holzverkleidung, die für visuelle Ordnung im Raum sorgt.

Details, die eine Geschichte erzählen

Der Flur ist ein weiterer Ort, an dem die Architektur des Gebäudes als Inspiration diente. Der abgerundete, mit weiß-grün-dunkelblauen Streifen geflieste Körper greift die vorhandene Rundung der Wand auf und verbirgt im Inneren einen Kleiderschrank.

Der Flur wird von handgefertigten italienischen Lampen aus Muranoglas in der Form „Candy“ erhellt. Am Eingang wurde hingegen die ursprüngliche Tischlerei beibehalten und durch charakteristische Kleiderhaken im Thonet-Stil ergänzt. Genau solche Elemente sorgen dafür, dass der Innenraum nicht wie ein neues, im Modernismus-Stil gestaltetes Projekt wirkt. Die Geschichte des Gebäudes ist hier authentisch präsent.

Ein Badezimmer mit Geschichte

Im Badezimmer und in der Toilette setzt das Projekt konsequent dieselbe Geschichte fort. Hier finden sich alte Fliesen, ein schwarz-weißes Schachbrettmuster, burgunderrote Vertäfelungen im englischen Stil sowie stilvolle Sanitäranlagen.

Ein besonderes Highlight ist das alte Keramikwaschbecken, das im Keller der Wohnung gefunden wurde. Es stammt höchstwahrscheinlich aus einer ehemaligen Waschküche, die sich einst auf dem Dachboden des Mietshauses befand. Anstatt es durch ein neues Produkt zu ersetzen, hat die Designerin es in die moderne Gestaltung integriert.

Ein künstlerischer Akzent ist die Dusche mit einem karierten Mosaik, das von „Szklane Mozaiki“ speziell angefertigt wurde. In der zweiten Toilette verbirgt sich hingegen der Eingang zu einer kleinen Waschküche, die gleichzeitig als Technikraum dient.

Ein kleines Zimmer wie aus einem Wes-Anderson-Film

Am Ende des Flurs befindet sich das Zimmer der Tochter – der fantasievollste Raum in der gesamten Wohnung. Blau und Bordeauxrot, Streifen sowie Grafiken polnischer Künstler, darunter Maciek Polak und Ksero-ksero, schaffen ein Interieur, das ein wenig an ein Film-Set erinnert.

Hier herrscht Nostalgie, ein Spiel mit Formen und Farben, und die charakteristische Symmetrie sowie die Farbkombinationen erinnern an die Ästhetik der Filme von Wes Anderson. Das Zimmer behält jedoch seinen kindlichen Charakter – es ist nicht nur eine Inszenierung, sondern ein Raum, der speziell für seine Bewohnerin geschaffen wurde.

Ein Haus, das lebt

Diese Wohnung ist keine Präsentation eines einzigen Stils. Modernismus, dänischer Minimalismus, Farbe, Kunst und Vintage treffen hier aufeinander, ohne dass ein einheitliches, perfektes Bild geschaffen werden muss. Im Gegenteil – gerade diese Vielfalt lässt das Interieur persönlich wirken.

Burgunderrote Fugen, eine khakifarbene Decke, ein kobaltblaues Regal, ein silberner Vorhang, Murano-Glas oder ein altes Waschbecken, das im Keller gefunden wurde, sind keine zufälligen Dekorationen. Jedes dieser Elemente trägt zu einer größeren Geschichte bei – über Architektur, die Geschichte des Ortes und den Alltag seiner Bewohner.

Das Wichtigste ist jedoch, dass die Wohnung nicht nur dafür entworfen wurde, gut auszusehen. Sie ist Teil eines Zuhauses, in dem gekocht, Musik gehört, ausgeruht, Zeit mit den Liebsten verbracht und auf den Balkon getreten wird, der von einer Weinrebe bewachsen ist, die noch an die alten Zeiten des Mietshauses erinnert. Und genau deshalb bleibt die modernistische Seele dieses Interieurs nicht nur ein ästhetisches Manifest – sie wird zum Hintergrund für das Leben.

Entwurf: LUVA Architecture

Fotos: Przestrzenie Fotografia

Siehe auch: Wohnung | Architektur | Küche | Badezimmer | Apartment | Modernismus | Eklektizismus