Die Revitalisierung verfallener Industrieanlagen wird immer häufiger zum Anstoß für die Schaffung neuer Kulturräume. Das Ingenieurprojekt von Antoni Mario Kołodziejek, das an der Magdalena-Abakanowicz-Kunstuniversität in Posen unter der Leitung von Prof. Dr. hab. Ing. Arch. Stanisław Sipiński, fügt sich in diesen Trend ein und schlägt vor, die Gebäude der ehemaligen Hermanka-Mühle in einen Komplex umzuwandeln, der der Posener Jazzszene gewidmet ist. Der Autor unternimmt den Versuch, den Schutz des architektonischen Erbes mit der Notwendigkeit zu verbinden, einen Ort zu schaffen, der Bildung, Kreativität und die Präsentation von Musik fördert – von Proben über Konzerte bis hin zu professionellen Tonaufnahmen.
Das industrielle Erbe von Wilda
Gegenstand der Studie sind zwei erhaltene Gebäude der ehemaligen Mühle in der Fabryczna-Straße in Wilda, die 1895 als Teil eines größeren Komplexes für die Getreideverarbeitung errichtet wurden. Der Getreidespeicher sowie das Wohn- und, die heute unter Denkmalschutz stehen, repräsentieren die Backstein-Industriearchitektur des späten 19. Jahrhunderts im Rundbogenstil mit charakteristischen halbrunden Fenstern, Arkadenfriesen und deutlichen Gliederungen der Fassade. Nach dem teilweisen Abriss des Komplexes infolge eines Brandes im Jahr 2003 befinden sich die Gebäude in einem Zustand fortschreitender Verwahrlosung und dienen als Kulisse für großflächige Gewerbeflächen. Das Projekt sieht vor, sie durch die Zuweisung einer kulturellen Funktion wieder in das Stadtgefüge zu integrieren.
Jazz-Kulturzentrum
Der Autor hat das Konzept für ein umfassendes Jazzkulturzentrum entwickelt, das Konzert-, Bildungs- und Studioräume umfasst. Im Hauptgebäude sind ein Foyer mit Garderobe, ein Café auf dem Balkon sowie ein Konzertsaal mit mehrstufigem Zuschauerraum und einer Bühne mit den Maßen 10 × 4 m vorgesehen. In den oberen Stockwerken befinden sich Balkone mit Logen sowie eine Aussichtsgalerie, und im Keller des Getreidespeichers ist eine intime Bühne für kleinere Veranstaltungen geplant. Das zweite Gebäude dient Verwaltungs- und Bildungszwecken – dort befinden sich Übungsräume sowie ein Aufnahmestudio mit Regieraum. Ergänzt wird das Ganze durch technische, gastronomische und logistische Einrichtungen, wobei die Raumaufteilung so gestaltet wurde, dass sie für die Nutzer übersichtlich und intuitiv ist.
Die Mühle auf einem Foto aus dem Jahr 2008:

Ein wesentlicher Bestandteil des Konzepts ist die Einbindung des Projekts in einen breiteren städtebaulichen Kontext. Die Gestaltung des Geländes knüpft an eines der von der Stadt prämierten Entwicklungskonzepte für das Gebiet „Wolne Tory“ an, das die Umwandlung von Industriebrachen in ein neues Stadtviertel vorsieht. In dieser Vision könnten die Gebäude der ehemaligen Mühle zu einem wichtigen kulturellen Mittelpunkt und zu einem Raum werden, der die Umgebung belebt, da sie direkt an den geplanten Hermanka-Platz angrenzen.

Konstruktion, Akustik und Innenraumgestaltung
Die Revitalisierung erforderte erhebliche bauliche Eingriffe. Im Getreidespeicher wurden die hölzernen Lagerkammern entfernt, wodurch ein offener Raum ohne innere Trennwände entstand. Es wurden neue bautechnische Elemente eingebracht, darunter tragende Stahlbetonwände und Spannbetondecken, und das Dach wurde als System aus Holzträgern konzipiert, die eine Kassettenstruktur bilden, die von der historischen Aufteilung der Kammern inspiriert ist. Eine der größten Herausforderungen bei der Planung bestand darin, die Anforderungen an moderne Energieeffizienz mit dem Denkmalschutz in Einklang zu bringen – in ausgewählten Bereichen wurde eine Innenisolierung mit hochdämmenden Aerogel-Matten verwendet, wodurch die ursprünglichen Ziegelfassaden erhalten bleiben konnten.
Entscheidend für die Nutzung als Konzertsaal war die akustische Anpassung. Dabei kamen Akustikziegel, schallabsorbierende Putze, textile Elemente sowie Lösungen zum Einsatz, die eine digitale Akustikkorrektur und zusätzliche Schalldämmung ermöglichen. Die Innenräume wurden in einer rohen Ästhetik gestaltet, die die historischen Ziegel und das Holz hervorhebt und mit modernen Materialien – Stahl, Mikrozement sowie burgunderroten Farbakzenten – kombiniert. Der Kontrast zwischen der alten Struktur und den zeitgenössischen Ergänzungen wurde bewusst eingesetzt, damit der Eingriff deutlich erkennbar ist und den Charakter der historischen Architektur nicht verzerrt.

Das Potenzial der Revitalisierung für die Posener Jazzszene
Das Ergebnis der Arbeit ist ein stimmiges funktionales, ästhetisches und technisches Konzept, das zeigt, wie verfallene postindustrielle Objekte durch eine bewusste Umnutzung neues Leben erhalten können. Das Projekt von Antoni Mario Kołodziejek verdeutlicht das Potenzial der Gebäude der Hermanka-Mühle als Raum zur Förderung der Posener Jazzszene und ist zugleich ein Beispiel für einen nachhaltigen Ansatz zum Schutz und zur Wiederverwendung des architektonischen Erbes. Die vorgestellte visuelle Darstellung ist Teil einer umfassenderen Arbeit, die auch Untersuchungen zur Geschichte des Posener Jazz sowie eine Analyse der Revitalisierungsprozesse von Industrieanlagen umfasst.
Hochschule: Magdalena-Abakanowicz-Kunstuniversität in Posen
Fakultät: Architektur und Design
Studiengang: Bachelor (Ingenieurwesen)
Betreuer: Prof. Dr. habil. Ing. Arch. Stanisław Sipiński
Lesen Sie auch: Geschichte | Metamorphose | Ziegel | Posen | whiteMAD auf Instagram




