Poltronova zählt zu den bedeutendsten Marken des italienischen Designs – zu jenen, die in den 60er- und 70er-Jahren den Weg für radikales Design ebneten, indem sie Kunst, Experiment und Industrie auf eine Weise verbanden, die bis heute als Maßstab für zeitgenössische Designer gilt. Das 1957 von Sergio Cammilli in Agliana gegründete Unternehmen fungierte von Anfang an als Ideenlabor, in dem das traditionelle Verständnis von Möbeln Visionen Platz machte, die die Grenzen von Funktion und Dekoration überschritten. Ein entscheidender Moment in der Geschichte der Marke ereignete sich 1958, als Ettore Sottsass zum künstlerischen Leiter ernannt wurde – ein Designer, der Poltronova für mutige Entscheidungen und die Zusammenarbeit mit den fortschrittlichsten Künstlern seiner Zeit öffnete.
In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich Poltronova zu einem Treffpunkt für Architekten, Künstler und Designer wie Gae Aulenti, Angelo Mangiarotti, Archizoom Associati oder Superstudio. Genau hier entstanden Objekte, die heute in Museumssammlungen, unter anderem im MoMA, zu finden sind und die die Sprache der Postmoderne geprägt haben. Die Marke dokumentierte nicht nur Veränderungen in der Designkultur – sie initiierte sie auch, indem sie Möbel als Manifest, Kommentar und Instrument der Kritik am Massenkonsum betrachtete.
Auch heute bleibt Poltronova ihrer Identität treu. Zeitgenössische Neuauflagen und neue Entwürfe sind keine nostalgische Rückkehr in die Vergangenheit, sondern die Fortsetzung des Experiments. Im Katalog der Marke finden sich neben Ikonen der 60er- und 70er-Jahre zeitgenössische Interpretationen, die den formalen Mut und die Leidenschaft für den Ausdruck durch Materialien bewahren. Ausgewählte Kollektionen zeigen, wie umfassend Poltronova Design versteht – als Raum für Spiel, Erzählung, Konstruktion und Dekonstruktion.
Terrazzo Quarry
Im Entwurf „Terrazzo Quarry“ schafft die Designerin und Künstlerin Bethan Laura Wood eine weiche, monumentale Struktur, die an eine künstliche Landschaft erinnert. Die gepolsterten Elemente – von großen Körpern bis hin zu Keilen und Kissen – lassen sich zu einer Komposition zusammenstellen oder im Raum verteilen. Inspiration lieferte die Residenz der Designerin in einem venezianischen Palazzo, wo sie 2010 von den unzähligen Variationen der Terrazzo-Böden begeistert war. Das Ergebnis ist ein eigens entworfener Stoff, bei dem Fragmente von „Steinen“ an die Oberfläche zu treten scheinen. Wie die Marke es beschreibt:„Terrazzo Quarry überträgt die Oberfläche in Volumen und das Muster in eine Landschaft, wodurch die Grenze zwischen zwei und drei Dimensionen verschwimmt.“ Es ist ein Objekt, das zur Interaktion einlädt – zum Klettern, Ausruhen, Spielen – und gleichzeitig einen zeitgenössischen Dialog mit früheren Möbeln von Poltronova darstellt, bei denen das Material zum Erlebnis wird.
Canton – Bank
Die 1988 von Franco Raggi entworfene Bank „Canton“ entstand aus einer einfachen grafischen Übung: einer durchgehenden schwarzen Linie, die zwei durch einen horizontalen Strich verbundene Quadrate bildet. Die Übertragung dieses Motivs in die dritte Dimension ergab eine Form, die – wie Raggi schrieb – kein bequemes Sitzmöbel sein sollte, sondern ein abstraktes Objekt mit neoplastischem Charakter. Die seitlichen „Quadrate“ wurden zu offenen Ablagefächern für Bücher und Zeitschriften, was Canton zum idealen Möbelstück für den Eingangsbereich machte. Im Jahr 2023 hat Poltronova gemeinsam mit dem Designer eine neue Version in den Farbkombinationen Rot/Grün und Blau/Orange herausgebracht. Dies ist ein Beispiel dafür, wie die Marke Klassiker neu interpretieren kann, ohne dabei deren grafische Essenz zu verlieren.
Califfo – Sofa
Califfo, 1962 von Ettore Sottsass entworfen, kehrt nach Jahren der Abwesenheit in die Produktion zurück. Die Konstruktion besteht aus einer Holzbank mit Rückenlehne und Seitenteilen, auf der weiche Polster für Sitzfläche, Rückenlehne und Armlehnen angebracht sind. Das Sofa kann als klassisches Wohnzimmermöbel, als Liege für Gäste oder als Ort für ein Nachmittagsschläfchen dienen. Califfo ist ein multifunktionales Möbelstück, das ohne die für handelsübliche Ausziehsofas typischen Mechanismen auskommt. Es ist in einer breiten Farbpalette und in den von Studio Sottsass vorgeschlagenen Kombinationen erhältlich und verbindet Schlichtheit mit Eleganz, wodurch deutlich wird, wie der Designer das Verhältnis zwischen Form und alltäglicher Nutzung verstanden hat.
Mitzi – Sofa
Das Sofa Mitzi von Hans Hollein aus dem Jahr 1981 ist ein Beispiel für ein Design, das mit dem Kontrast von Materialien und Symbolen spielt. Weiche Kissen und Wollstoff werden mit Nussbaumholz und einem Metallgestell kombiniert. Die geschwungene Linie der Rückenlehne steht im Kontrast zur geraden Linie des Sockels – maskulin und feminin, weich und hart, leicht und schwer. Hollein schafft ein Objekt, das zugleich streng und sinnlich ist, und dessen Name – Mitzi – einen subtilen anthropomorphen Unterton einbringt. Es ist ein Sofa, das zeigt, wie Poltronova mit Designern zusammenarbeiten konnte, die über eine starke architektonische Formensprache verfügten.
Regolo – Sessel und Sofa
Regolo, 1975 von Gianfranco Fini entworfen, untersucht die Idee eines modularen Sitzmöbels mit geometrischer, klarer Form. Das Möbelstück ist als Sessel sowie als Zwei- oder Dreisitzer-Sofa erhältlich, und seine Konstruktion umfasst seitliche und rückseitige Stauräume für Bücher. Dadurch eignet sich Regolo hervorragend als Blickfang in der Mitte eines Raumes – es ist ein Objekt, das man von allen Seiten betrachten kann. Die zeitgemäße Neuauflage verfügt über ein Gestell aus massiver Esche, und die Kissen können mit Velours, Leinen oder recycelter Wolle bezogen werden. Es ist ein Entwurf, der die Proportionen der 70er Jahre mit den aktuellen Bedürfnissen der Nutzer verbindet.
Pluriball – Couchtisch
Das zeitgenössischste Design in dieser Zusammenstellung ist der „Pluriball“ von Andrea Mancuso (2026). Es handelt sich um einen Tisch, der eine Assoziation aus der Popkultur (Luftpolsterfolie) in ein edles Objekt aus Glas verwandelt. Die Tischplatte entsteht durch das Verschmelzen farbiger Glasscheiben mit einer transparenten Glasplatte, wodurch eine dreidimensionale, „blasenartige“ Oberfläche entsteht. Diese wird anschließend mit einer zweiten, farbigen Glasschicht verbunden, die den Relief-Effekt verstärkt. Die Beine aus Borosilikatglas lassen die Tischplatte optisch schweben und unterstreichen so ihren einzigartigen Charakter. Die Kollektion umfasst die Varianten „Tangerine“, „Tuscan Green“, „Sicilia Bronze“ und „Rose“ – jede davon verleiht dem Tisch einen ganz eigenen Charakter.
Poltronova ist nach wie vor eine Marke, die den Begriff „Möbel“ ständig neu definiert. Ihre Entwürfe, sowohl historische als auch zeitgenössische, zeigen, dass Design ein Raum für Experimente, Erzählungen und Mut sein kann. Genau diese Konsequenz sorgt dafür, dass Poltronova Sammler, Designer und Kuratoren nach wie vor inspiriert und ihre Objekte ein lebendiger Teil der visuellen Kultur bleiben. Sie werden zu Design-Ikonen.
Quelle: Poltronova
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