Die dynamische Entwicklung Berlins im Deutschen Reich brachte den Bau zahlreicher Verwaltungsgebäude mit sich. Mit der Gestaltung der Höfe wurden drei Architekten und Beamte beauftragt, die dem ganzen Reich die Macht der Reichshauptstadt demonstrieren wollten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden drei prächtig ausgestattete Höfe in drei verschiedenen Stilen errichtet. Für den Wedding wählten sie die sächsische Gotik, für Moabit den monumentalen Neobarock und für den Hof Mitte den phantasievollen Jugendstil. Leider sind von diesen prächtigen Bauten bis heute nur verkürzte Rekonstruktionen erhalten geblieben.
Kaiserliche Justiz
Nach dem spektakulären deutschen Sieg über die Franzosen im Krieg von 1871 kamen Otto von Bismarck und König Wilhelm I. von Hohenzollern zur Vernunft. In Versailles wurde das neue Deutsche Reich proklamiert, und der größte Gewinner des deutschen Einigungsprozesses, Preußen, diktierte das Erscheinungsbild des Staates. Berlin wurde zur Hauptstadt der neuen Supermacht, die in den nächsten dreißig Jahren nach der Gründung des Zweiten Reiches auf mehr als 2 Millionen Einwohner anwuchs.
Der Staat brauchte neue Verwaltungsgebäude, und so begann das Ministerium für öffentliche Arbeiten, landesweite Investitionen in Auftrag zu geben. Jahrhunderts erhielt Paul Thoemer, der die hohe Position eines Geheimen Beraters des Justizministeriums innehatte, den Auftrag, moderne Gerichtsgebäude für Berlin und andere Städte des Zweiten Reiches zu entwerfen. Zusammen mit den Architekten: Rudolf Mönnich und Otto Schmalz begann Thoemer mit der Arbeit am Reichsgericht im Bezirk Mitte. Schmalz war zwar kein so renommierter Architekt wie seine Mitstreiter, aber die Geschichte der Berliner Gerichte hat gezeigt, dass gerade sein Blick für die Gestaltung entscheidend war.
Der Bau des Landgerichts in Mitte, der mehr als 7,4 Millionen Mark kostete, begann 1896 und dauerte acht Jahre. Ursprünglich sollte das Gebäude ein neobarocker Koloss werden, doch Otto Schmalz schlug, inspiriert vom modernen Jugendstil, einen stilistischen Kompromiss vor. Die monumentale Fassade auf der Seite der Grunerstraße beeindruckte durch die Symmetrie ihrer reichen Ornamentik. Kartuschen, Pilaster und Brüstungen dominieren die Fassade, während sich darunter Rustizierungen ausbreiten. Zwei massive Türme mit Erkern und barocken Ornamenten schützten die Seiten der Fassade, und der Risalit war mit Skulpturen und Polychromien verziert. Das letztgenannte Element war ein Zeichen der neuen Zeit, denn es repräsentierte das Flair des Jugendstils. Dasselbe gilt für die Balustraden, die mit Jugendstilmustern verziert sind. All dies unter der ständigen Aufsicht der preußischen Adler, die von den Mansardendächern herabblicken.
Die unglaublich kunstvoll verzierte schmiedeeiserne Tür war ein großes Relief, das ein Miniaturgericht und die darauf sitzende Göttin der Gerechtigkeit, Themis, darstellte. Das Ganze ist unter einem wulstigen Gesims verborgen. Die Türen an den anderen Seiten des Gebäudes waren kleine Kunstwerke, die mit übersetzten lateinischen Sätzen versehen waren wie: „Jedem das Seine“ (jedem das Seine). Nebenbei bemerkt, die gleiche Inschrift, in einem anderen Zusammenhang, hing am Tor des Lagers Buchenwald.

Märchenhafter Saal
Schon das Innere ist Schmalz‘ ganzer Fantasie überlassen. Die feierliche, etwas einschüchternde Architektur der Barockfassade scheint im Widerspruch zu der märchenhaften, heiteren Ausstattung im Inneren zu stehen. Die 30,5 m hohe Foyerhalle empfängt Sie in zarten Rosa-, Rot- und Cremeweiß-Tönen. Wendeltreppen umgeben den ballsaalähnlichen Raum. Auffällig sind die ausdrucksstarken Formen des Jugendstils in Form von schmiedeeisernen Toren, Balustraden, Gittern und abgeflachten Fenstern. Das Innere besteht hauptsächlich aus klassischen architektonischen Elementen, jedoch mit einer neuen Wendung. Das gotische Sterngewölbe wird mit warmen roten und goldenen Ornamenten an den Rändern kombiniert, und das Ganze wird von einem großen Kronleuchter gekrönt. Interessant ist, dass warme oder kühle Luft durch riesige Gitter am Fuß der Treppe in das Foyer gelangt.
Andere Räume, obwohl bescheidener als das Foyer, bezauberten mit Jugendstil-Polychromen, die Pflanzen und Tiere darstellten. Sogar die Innenhöfe, die sich im hinteren Teil des Gebäudes befinden, sind mit Ziegelmustern und extravaganten Stuckornamenten verziert. Ein Motiv der „Sol Iustitiae“ (Sonne der Gerechtigkeit) (Sonne der Gerechtigkeit), d. h. eine hitzige Sonne, die die göttliche oder einfach gerichtliche Gerechtigkeit symbolisiert.
Kaiser Wilhelm II. war mit der recht kühnen Innengestaltung nicht sehr zufrieden. Die bunten Farben spiegelten nicht die Seriosität der Justiz wider. Trotz dieser Meinung wurde das Gebäude gebaut und diente aufgrund seiner Funktionalität und Größe nicht nur den Richtern. Im Inneren befanden sich schöne Kantinen, ein Festsaal und neben dem Landesgericht war auch ein Bezirksgericht in dem Gebäude untergebracht.
Die Deutschen konnten sich nicht allzu lange an dem schönen Gebäude erfreuen, denn der von ihnen verursachte Zweite Weltkrieg führte zu kolossalen Schäden in Berlin. Das Gerichtsgebäude in Mitte wurde stark in Mitleidenschaft gezogen, und der Wiederaufbau nach dem Krieg hinterließ ein viel bescheideneres Gebäude. Im Kommunismus wurde jeder Bezug zu Preußen gekappt, und in den 1960er Jahren kam es zu einer architektonischen Tragödie. Um die Grunerstraße zu verbreitern, wurde die barocke Fassade abgerissen. Heute ist nur noch die Seitenfassade zur Littenstraße hin erhalten, die wesentlich ärmer ist.

Spätgotik
Ein weiteres Werk der Architekten Thoemer und Mönnich war das 1906 fertiggestellte Amtsgericht im Wedding. Diesmal stand die Neogotik im Vordergrund, die sich an der sächsischen Albrechtsburg in Meißen orientiert. Besonders deutlich werden diese Bezüge in den spätgotischen Kuppeln und der aufgelockerten Fassadendekoration. Der Risalit ist mit Maskeraden und verschiedenen Formen von Fröschen bedeckt, während Fialen, Türmchen und andere gotische Elemente auch an den Seiten zu sehen sind. Durchbrochene Ornamente bedecken das große, verzierte Portal. Die Wände sind außerdem mit Blumenornamenten und den Wappen der ehemaligen Dörfer in der Umgebung des heutigen Wedding verziert. Das wichtigste Symbol der Dekoration ist die über drei Meter hohe Statue der Iustitia, der römischen Göttin der Gerechtigkeit. Dem aufmerksamen Betrachter wird jedoch eher ein großer Adler mit einem verdächtig runden Kranz in den Krallen ins Auge fallen. Dabei handelt es sich natürlich um ein nationalsozialistisches Symbol, das in den 1930er Jahren den ursprünglichen preußischen Adler ersetzte. Nach dem Krieg blieb der Vogel an seinem Platz, aber das Hakenkreuz wurde ihm aus den Krallen gerissen.
Im Gegensatz zum Berliner Landesgericht setzt sich die einschüchternde Architektur der Fassade auch im Inneren fort. Der weite Raum im Inneren erinnert an die aus der Spätgotik bekannte Hallenkirche. Mächtige Treppen, die von achteckigen Bronzesäulen getragen werden, umkreisen den Platz und bilden ein mittelalterliches Labyrinth. Über den Köpfen der Besucher spannt sich ein riesiges Gittergewölbe mit Schlusssteinen, die die Tierkreiszeichen darstellen. Die allgegenwärtigen Maskeraden, Frauenfiguren, Tiere und andere Dekorationen unterstreichen die Pracht des Innenraums und sollen den Triumph des Rechts über das Böse symbolisieren. All diese Schönheit ist bis heute erhalten geblieben, trotz erheblicher Schäden während des Zweiten Weltkriegs.

Der perfekte Barock
Das Architektenduo entwarf noch ein Dutzend weiterer Gerichts- und Verwaltungsgebäude im ganzen Reich, doch im Falle Berlins lohnt es sich, ein weiteres Beispiel ihrer Genialität zu betrachten. Das 1906 fertig gestellte Kriminalgericht war ursprünglich ein anderes Gerichtsgebäude im Stadtteil Moabit. Das erste Gericht wurde bereits in den 1880er Jahren erbaut, brannte aber während des Zweiten Weltkriegs ab. Das heutige Moabiter Gerichtsgebäude ist die Erfüllung von Thoemers Traum von einem idealen Barock. Der mächtige Bau mit seinen beiden Türmen an den Seiten erinnert ein wenig an die ursprüngliche Gestaltung des Gerichtsgebäudes in Mitte, aber in Moabit schließen die Türme die Fassade nicht ab und das Gebäude ragt weiter hinaus. An der Fassade sind klassische barocke Verzierungen wie Kartuschen, Giebel, Gauben, Pilaster und Maskarons zu erkennen, und den Eingang ziert ein schönes schmiedeeisernes Tor mit Allegorien der Gerechtigkeit. Interessanterweise wurde der für den Bau verwendete Sandstein in der Gegend des heutigen Radkow abgebaut.
thoemers „perfekter Barock“ bestimmte auch die Innengestaltung. Die Decke der Eingangshalle reicht bis zu 29 m hoch, und die Fülle an Skulpturen und Symbolen überwältigt jeden, der das Gebäude betritt. Das kolossale Gebäude beherbergt Dutzende von Gerichtssälen, Hunderte von Verhörsälen, zwölf Höfe, ein Dutzend Treppen und Dutzende von versteckten Gängen für den Transport von Verdächtigen. Es überrascht nicht, dass die Eingangshalle eines so großen Gebäudes eine einschüchternde Architektur aufweist. Gemessen an der Fläche und der Zahl der Mitarbeiter ist es das größte Gericht seiner Art in Europa.
Die weiße Halle ist mit goldenen Akzenten und aufwändigem Stuck verziert. Eine interessante Rolle spielen allegorische Skulpturen, die verschiedene Werte der weltlichen und religiösen Welt darstellen. Auffällig sind weltliche Symbole wie die Tierkreiszeichen und christliche Symbole, die auf die Symbiose von menschlicher und göttlicher Gerechtigkeit hinweisen. Es ist erwähnenswert, dass das Gebäude zum Zeitpunkt seiner Eröffnung ein Vorreiter der Moderne war. Das Kriminalgericht ist das erste Gebäude in Berlin, das elektrisch beleuchtet wurde. Darüber hinaus verfügt das Gebäude über ein eigenes Stromaggregat, Aufzüge, eine Lüftungs- und Heizungsanlage in fast allen Räumen, und die gesamte Struktur basiert auf einem Stahlbetonrahmen.

Ruinen eines Reiches
Thoemers erstaunliche Entwürfe prägen die monumentale und seriöse Architektur der Ära Wilhelm II. Um die Macht des Kaisers zu demonstrieren, griff man zu historischen Perlen der deutschen Architektur. Zwar wurde die Macht des Kaiserreichs nur wenige Jahre nach Fertigstellung der Bauten auf die Probe gestellt, doch die zeitlose Schönheit der Berliner Höfe beeindruckt noch heute. Romantische, märchenhafte Entwürfe wurden zu einer Spezialität der Zeit, für die es nach dem Ersten Weltkrieg weder Platz noch Geld gab. Über andere Thoemer-Projekte, wie den Danziger Bahnhof, können Sie HIER und HIER lesen.
Quelle: Gesellschaft Historisches Berlin
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