Das Stadttheater war eines der auffälligsten Gebäude der Vorkriegszeit in Stettin (Szczecin), damals noch Stettin. Seine elegante Architektur hob sich deutlich von den Gebäuden der Innenstadt ab. Die Bühne war fast ein Jahrhundert lang in Betrieb und zog mehrere Generationen von Zuschauern an. Nach 1945 verschwand das zerbombte Gebäude von der Stadtkarte.
Die Anfänge des Theaterlebens in Szczecin
Bevor ein professionelles Theater gebaut wurde, bevölkerten hauptsächlich Amateurtheater und Gruppen, die Stettin auf Tournee besuchten, die Stadt. Der Raum neben dem Matrosenhaus spielte eine wichtige Rolle, da dort Aufführungen für die Einwohner der Stadt organisiert werden konnten. Die dortige Bühne war zwar technisch begrenzt, ermöglichte aber die Entwicklung des Interesses an den darstellenden Künsten. Die Kaufleute unterhielten in den an den Loitzer Hof angrenzenden Gebäuden ein kleines Theater, das 1792 modernisiert und zum Comedienhaus ausgebaut wurde. Dieses Gebäude war jahrzehntelang in Betrieb und bildete die Grundlage für Überlegungen zu einer größeren Investition, die den wachsenden Erwartungen des Publikums gerecht werden sollte.
Stadttheater Szczecin – Entscheidung für den Bau
Im Jahr 1844 richtete der Magistrat ein Schreiben an die Kaufmannschaft, in dem er sie aufforderte, den Bau eines richtigen Theaters in Erwägung zu ziehen. Die Stadt benötigte einen Raum, der ein größeres Publikum aufnehmen konnte, und das ehemalige Comedienhaus war nicht mehr zweckmäßig. Als Standort wurde der nördliche Teil des Platzes an der Kreuzung der Mariacka- und der Farna-Strasse vorgeschlagen. Die Kaufleute entschieden sich erst zwei Jahre später für diesen Standort, da sie erst einmal Geldmittel beschaffen und die technischen Möglichkeiten prüfen mussten. Die Arbeiten begannen offiziell am 17. Dezember 1846.

Schwierigkeiten und Einweihung
Die Bauarbeiten stießen auf Probleme mit dem Standort des Gebäudes. Das Gebäude wurde im Bereich eines ehemaligen Wassergrabens errichtet, der zu Beginn des 18. Jahrhunderts noch tief war, und der Boden bot keine Gewähr für Stabilität. Die Arbeiter mussten die Fundamente verstärken und die Konstruktion an die Bodenverhältnisse anpassen. Dieser langwierige Prozess erforderte zusätzliche Mittel und eine genaue Überwachung. Das Gebäude wurde am 21. Oktober 1849 mit der Aufführung von Goethes „Egmont“ eingeweiht. Am selben Tag wurde vor dem Eingang eine Statue von König Friedrich Wilhelm III. enthüllt, um die Bedeutung des Theaters für die Stadt zu unterstreichen.
Das Stadttheater in Szczecin – Architektur und Entwicklung
Das Projekt wurde von Carl Ferdinand Langhans entworfen, der für seine Theater und Opernhäuser in vielen deutschen Städten bekannt ist. Sein Konzept bestand in erster Linie aus einer markanten Fassade und einer funktionalen Innenausstattung, die technisch anspruchsvolle Aufführungen ermöglicht. Die Arbeiten wurden von dem Bauunternehmer Degner geleitet, der für die Präzision der Ausführung sorgte. Das Gebäude wurde auf dem Weißen Paradeplatz errichtet, der zuvor ein militärischer Übungsplatz war. Im Jahr 1899 wurde das Theater durch einen großen Anbau erweitert, der die Fassade des Gebäudes völlig veränderte und ihm ein noch repräsentativeres Aussehen verlieh. In den folgenden Jahren wurden der Hinterbühnenbereich, Lagerräume und Räume für Büros und ein Restaurant vergrößert, was die Arbeitsbedingungen für das Unternehmen verbesserte.

Betrieb des Theaters und Wechsel des Eigentümers
Der Unterhalt des Gebäudes verursachte hohe Kosten, so dass die Kaufleute das Gebäude für 120.000 Mark an die Stadt verkauften. Die Behörden wollten dem Theater ein neues Leben einhauchen und planten einen Umbau und eine Anpassung an moderne Bedürfnisse. Das Theater war gut besucht und sein Repertoire umfasste eine Vielzahl von Kunstformen. In vielen Berichten wurde die Bedeutung des Theaters für die örtliche Gemeinschaft hervorgehoben, da es die Möglichkeit bot, Kultur auf hohem Niveau zu erleben. Als die Stadt wuchs, gewann das Theater an Bedeutung und wurde zu einem wichtigen Teil der Identität der Stadt.
Zerstörung von Szczecin im Krieg
Im Zweiten Weltkrieg wurde das Zentrum von Stettin, darunter auch das Theater, stark zerstört. Bei einem Luftangriff am 17. August 1944 wurde der obere Teil des Gebäudes beschädigt und ein Teil der Innenräume verbrannt. Trotzdem blieb das Gebäude so stabil, dass Experten von der Möglichkeit eines Wiederaufbaus sprachen. Dokumente aus der Nachkriegszeit bestätigen, dass der technische Zustand des Theaters einen Wiederaufbau ermöglichte. Nach der Übernahme des Gebäudes durch die polnischen Behörden in der zweiten Hälfte des Jahres 1945 wurde mit der Inventarisierung der Ruinen begonnen. Das Theater war noch im Stadtraum vorhanden und weckte das Interesse der neuen Bewohner des polnischen Stettins.

Nachkriegsentscheidungen und Abriss
Der Bürgermeister von Stettin, Piotr Zaremba, befürwortete den Abriss des beschädigten Gebäudes mit der Begründung, es müsse den Blick auf die Oder freigeben. In der lokalen Presse wurden Kommentare veröffentlicht, die die Meinung, dass das Gebäude abgerissen werden sollte, noch verstärkten. In Ermangelung eines offiziellen Abrissbeschlusses arbeitete die Direktion für Wiederaufbau ein Wiederaufbauprojekt aus, das die Existenz eines alternativen Ansatzes aufzeigte. Das Projekt wurde jedoch nicht genehmigt, und 1954 wurde das Gebäude abgerissen, wodurch die Möglichkeit, es für künftige Generationen zu retten und zu erhalten, zunichte gemacht wurde.
Das Stettiner Stadttheater und der leere Platz heute
Viele Jahre lang blieb das Gelände des Theaters unbebaut und bildete einen leeren Platz im Stadtzentrum ohne klare Funktion. Erst 1978 wurde mit dem Bau der Schlossstraße begonnen, die den ehemaligen Platz durchschneidet und seine Gestaltung verändert. Zwischen 1990 und 2013 befand sich an der Stelle, an der das Theater stand, der Maciejewicz-Mast, der Kapitän Konstanty Maciejewicz und der Geschichte des Schiffes gewidmet war, das als Ausbildungsschiff diente. Der Standort war ein wichtiges Symbol für die Seefahrt und die Einwohner, die mit der Stettiner Seefahrertradition verbunden waren. Als es entfernt wurde, wurde das Gebiet wieder zu einem leeren Raum ohne jeden Ausdruck. Wenn man sich heute alte Fotografien ansieht, kann man kaum glauben, dass die Gegend um den Platz der Preußischen Huldigung und die St. Peter- und Paulskirche vor weniger als hundert Jahren dicht mit eleganten Gebäuden bebaut war und von städtischem Leben wimmelte.
Quelle: pomeranica.pl
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Das Stadttheater im Jahr 1940 und derselbe Ort heute. Quelle: Bildarchiv Foto Marburg und Google Maps
Das Gebäude von vorne gesehen im Jahr 1939 und der gleiche Rahmen heute. Quelle: Vorpommersche Digitale Bibliothek und Google Maps











