Das Wiener Amalienbad entstand zu einer Zeit, als die meisten Wohnungen noch kein eigenes Badezimmer hatten und Duschen eine Seltenheit waren. Kurz nach dem Zusammenbruch des großen Österreich-Ungarns beschloss der Wiener Stadtrat ein Programm zum Bau öffentlicher Badeanstalten in der ganzen Stadt. Das Amalienbad entstand im industriellsten und am weitesten vom Zentrum entfernten Stadtteil, was für die dortige Arbeiterklasse eine Überraschung war. Trotz des zweckmäßigen Charakters des Bades setzten die Architekten auf beeindruckende Ornamente im Art-déco-Stil.
Das rote Wien
Für Österreich war das Jahr 1919 ein Moment epochalen Wandels. Die große Habsburgermonarchie zerfiel, und die starke internationale Stellung des Staates lag in Trümmern. Vor dem Krieg genoss Kaiser Franz Joseph I. allseits Respekt, und Gebäude, Plätze oder Straßen im Land wurden zu seinen Ehren errichtet. In der neuen republikanischen Realität standen jedoch die Arbeiter im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der sozialdemokratischen Wiener Stadtverwaltung. Eine der ersten Maßnahmen des neuen Stadtrats war der Plan, in jedem Bezirk öffentliche Schwimmbäder zu errichten. Darüber hinaus entstanden gerade in der Zeit der Sozialdemokraten in Wien berühmte Sozialwohnungsblöcke wie der längste Wohnblock der Welt – der Karl-Marx-Hof.
Das Schwimmbad im zehnten Wiener Bezirk – Favoriten – hatte eine besondere Bedeutung. Jahrzehntelang galt der Bezirk als der schlechteste Teil der Stadt, in dem kinderreiche Arbeiterfamilien in engen, dunklen Wohnungen zusammengepfercht waren. Die Stadt war extrem überbevölkert, und Tuberkulose wurde nicht ohne Grund als „Wiener Krankheit“ bezeichnet. Die hygienischen Verhältnisse in Favoriten und vielen anderen Stadtteilen waren katastrophal und führten zu häufigen Epidemien.
Der Bau des Amalienbads begann 1923 nach einem Entwurf von Karl Schmalhofer und Otto Nadel. Schmalhofer stammte selbst aus einer armen Familie, weshalb er es nicht schaffte, direkt nach dem Gymnasium ein Studium aufzunehmen. Der Architekt verdiente sich seinen Lebensunterhalt als Zeichner im bekannten Architekturbüro des Österreichers Hans Miksch und des Polen Julian Niedzielski. Nach Jahren der Ausbildung und beruflichen Laufbahn wurde Schmalhofer Mitglied des Rates des Wiener Bauamtes und widmete sich dem Bau von Sozialwohnungssiedlungen.
Zwei Jahre nach Baubeginn verstarb der erste sozialdemokratische Bürgermeister Wiens – Jakob Reumann. Ein Jahr zuvor war bereits die Stadträtin aus Favoriten – Amalie Pölzer – verstorben. Aus diesem Grund trägt das Schwimmbad den Namen Amalienbad, und der Platz, an dem es steht, heißt Reumannplatz. Die Gründe für diese Namensgebung wurden in der lokalen Presse als symbolischer Übergang von der Habsburger Monarchie zur neuen sozialdemokratischen Realität beschrieben.

Modernität
Das massive, modernistische Gebäude mit seinem Uhrturm ragt 36 Meter in die Höhe. Bemerkenswert ist die Art und Weise, wie die Architekten mit der Form spielten. Die verschiedenen Gebäudeteile ragen hervor oder ziehen sich zurück, bilden aber dennoch eine symmetrische Fassade. Zwischen den abgerundeten Erkern sind weibliche Skulpturen von Karl Stemolak platziert. Interessanterweise war der Künstler bis zum Zweiten Weltkrieg Mitglied des Hagenbunds, einer den Wiener Sezessionisten konkurrierenden Gruppe. Die Mitglieder dieser Gruppe konzentrierten sich auf eine avantgardistischere, manchmal kubistische Darstellung der Mühen des Alltags.
Beim Betreten des Innenraums fallen sofort die beeindruckenden Art-déco-Mosaike und -Muster ins Auge. Geometrische Ornamente unterstrichen die modernistische Ästhetik des Gebäudes, das sofort als das größte und modernste Schwimmbad in diesem Teil Europas gefeiert wurde. Mosaike bedecken die Wände, Böden und sogar die Oberlichter, durch die sanftes, gedämpftes Licht hereinfällt.
Die Verzierungen der Hauptschwimmhalle sind deutlich schlichter, doch ihre Konstruktion beeindruckt. Sofort fällt die riesige Dachkonstruktion aus Stahlbeton ins Auge. Das 33,5 m lange Schwimmbecken wird durch massive Oberlichter beleuchtet. Die Anlage wurde so konzipiert, dass sie Platz für bis zu 1.300 Personen bietet. Interessanterweise hatte das Dach vor dem Zweiten Weltkrieg eine etwas andere Konstruktion und konnte geöffnet werden. Die interessantesten Verzierungen sind jedoch für die Männer- und Frauensaunen vorgesehen.
Die Herrensauna wurde mit bunten, glasierten Fliesen ausgekleidet. Ähnlich verhält es sich in der Frauensauna, dort sind die Säulen jedoch mit Pflanzenmotiven verziert. Die keramischen Verzierungen fügen sich zu geometrischen Art-déco-Mustern zusammen. Auch reich verzierte Oberlichter durften nicht fehlen.
Das Gebäude wurde im Zweiten Weltkrieg beschädigt, doch seine robuste Stahlbetonkonstruktion hielt selbst den schwersten Bombardements stand. Nach dem Krieg wurde das Gebäude mit einigen Änderungen wieder aufgebaut, und in den 1980er Jahren erfolgte eine Generalsanierung. Das Amalienbad steht den Bewohnern des Stadtteils Favoriten bis heute zur Verfügung und ist das schönste Schwimmbad Wiens.
Quelle: Stadt Wien
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