Wie ein silberner Blutegel. Das kühne Projekt von Renzo Piano in Paris

Von der Straße aus gesehen hebt sich das Gebäude der Fondation Jérôme Seydoux-Pathé in Paris aus dem 19. Jahrhundert nicht von den umliegenden Gebäuden ab. Bei näherem Hinsehen wird jedoch deutlich, dass aus dem ehemaligen Theater ein großer metallener Blutegel herauswächst, der sich an Dach und Hof festsaugt. Der kreativ angepasste Hauptsitz der Stiftung ist eine Idee des Renzo Piano Building Workshop. Obwohl es eine ziemliche Herausforderung war, den gesamten Hauptsitz auf einem so kleinen Grundstück unterzubringen, hat das surreale Erscheinungsbild die Bemühungen des Studios belohnt.

Pionierarbeit für das Kino

Das 1869 erbaute Théâtre des Gobelins war bis in die 1930er Jahre in Betrieb, und der nächste Eigentümer richtete das Gebäude für ein Kino ein. Vor dem Hintergrund der historisierenden Gebäude von Paris sticht das Gebäude formal nicht besonders hervor, aber ein interessantes Element der Fassade sind die von dem berühmten Auguste Rodin entworfenen Ornamente. Der Autor von Skulpturen wie dem „Denker“ und dem „Höllentor“ hat an der Fassade Figuren mit theatralischen Attributen aufgestellt. Auch klassische Verzierungen wie Girlanden, Voluten oder Maskarons sind zu sehen.

Im 21. Jahrhundert. Jahrhundert kaufte Jérôme Seydoux – ehemaliger Vorsitzender und Aktionär des legendären Filmstudios Pathé – das vergessene Kinogebäude auf. Einige Jahre später, genauer gesagt 2017, wurde das ehemalige Kino zum Sitz der Stiftung Jérôme Seydoux-Pathé, die eine beachtliche Sammlung von Filmen und Kameras aus der Zeit um die Jahrhundertwende aufbewahrt. Es ist erwähnenswert, dass die 1896 von Charles Pathé gegründete Firma Pathé die zweitälteste Filmgesellschaft der Welt ist.

Parametrisches Genie

Der berühmteste italienische Architekt unserer Zeit, Renzo Piano, der für Projekte wie das Centre Pompidou und das Londoner The Shard bekannt ist, hatte die Aufgabe, 2 400 m² Nutzfläche auf einer Fläche von nur 839 m² unterzubringen. Die zweite große Hürde des Projekts war die historische Fassade, die erhalten und restauriert werden musste. Diese Hindernisse führten zu der ungewöhnlichen, fremdartigen Form des Metallgebäudes, das an nur wenigen Auskragungen hing.

Über mehrstufige Eingänge gelangt man zu den verschiedenen Bereichen des Hauptsitzes. Im Untergeschoss befinden sich die Archive und Ausstellungsräume, in denen die umfangreichen Sammlungen des frühen Kinos aufbewahrt werden. Es ist erwähnenswert, dass im Untergeschoss auch ein Kinosaal nicht fehlen darf. Die unteren Etagen haben keinen Zugang zum Sonnenlicht, was der Erhaltung der lichtempfindlichen Exponate zugute kommt. Die Büroräume im Obergeschoss hingegen sind durch die transparenten Dachsegmente sehr gut mit Tageslicht versorgt. Die stromlinienförmige hölzerne Dachkonstruktion fügt sich perfekt in das helle Design der Büros ein. Interessanterweise ist die silberne Farbe der Fassade kein Zufall und soll auf die Zinkdächer von Paris verweisen. Die Gesamtzahl dieser silbernen Aluminiumpaneele beträgt ca. 7000.

Renzo Pianos Beherrschung des Raumes wird dadurch unterstrichen, dass auf einem so kleinen Grundstück noch eine kleine Birke Platz findet, um den Mitarbeitern und Besuchern die Zeit zu vertreiben. Daraus lässt sich schließen, dass die fremdartige, fast kosmische Struktur, die an der historischen Fassade angebracht ist, ein diskretes und funktionelles Symbol der parametrischen Architektur ist. Außerdem wurde durch die Planung auf der Grundlage moderner Technologien und ihrer Algorithmen das Problem des begrenzten Raums gelöst.

Fotoquelle: RPBW

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